Ein Fundstück …

… das mehr als gemischte Gefühle hervorruft, weil in dieser “Lese-Probe” aus dem Jahr 2012 u.a. ein paar fiktionale Schriften versammelt sind, die ursprünglich als Teile bzw. Anfänge größerer Werke gedacht waren (z.B. “Die Gier stammt…” oder “Kriegsthal”).

Diese  Texte nie fertig geschrieben zu haben, macht den Autor heute noch fertig – auch dass dabei das Fehlerteufelchen leider öfter zugeschlagen hat.

 

Rotgolden

Graphik: Ewald Wildtraut M.A. Kunst | Konzepte. 2019
Graphik: Ewald Wildtraut M.A. Kunst | Konzepte. 2019

Auch, oder gerade weil in wenigen Tagen Ostern ist,  soll  – im Geiste von Heinrich Bölls wunderbarer Erzählung  – nachfolgend „Nicht nur zur Weihnachtszeit“ – eine Episode aus Kindheitstagen zum „Fest der Liebe“ erzählt werden.

Stinkende Rauchschwaden,
grau und undurchdringlich.
Manchmal konnte man sie darin ausmachen;
Bruchteile von Sekunden lang …
– mit bangen Augen –
… ihren rot glimmenden Spuren folgen.
Sie lauerten überall.
Plötzlich wurde es heiß wie ein Schweißbrenner
– gefährlich nah am zarten Kindergesichtchen.
Kippen.
Allerorten rauchende Schlote,
die sich zu einer undurchdringlichen Wand formierten –
den Blick zum Horizont verwehrend.
Die tränenden Augen des Wirtschaftswunderkindes vernebelt.
So brauchte es eine Weile, um wahrzunehmen, dass das,
was es soeben noch für Schornsteine im Dunst hielt,
in Wahrheit
graue Flanellbeine waren.

Ende der 60er ein Knirps zu sein, war
schlichtweg zum Vergessen.

Aus jenen fernen Kindertagen hatte sich Egmont nur zwei Erinnerungen bewahrt.

Und eine davon schien ihn auch noch zu trügen.

Egmont ist sich immer noch sicher,  die Mondlandung einst „live“ am Bildschirm verfolgt zu haben.

Auch, dass sich seine Eltern zum „Jahrhundertereignis“ extra einen neuen, genauer: den ersten Farbfernsehapparat der Familie zulegten.

Aber was machte solch ein – die natürlichen Farben wiedergebendes – Gerät für einen Sinn, wenn über die Mattscheibe eh´ nur unscharfe Bilder vom Grau des Trabanten und dem Weiß der Astronautenanzüge flimmerten?!

Viel lebendiger als an Neil Amstrongs “small step for a man, one giant leap for mankind” konnte sich Egmont an die mütterliche Weihnachtsbäckerei erinnern.

Was seine Mama für ihren Göttergatten (der als Oberhaupt der Familie das ungeschriebene Recht auf das erste Plätzchen jeder Sorte innehatte, ohne je einen Finger zu rühren, geschweige denn den Teig), für fünf Kinderleckermäuler sowie für die stattliche Verwandtschaft an Stollen, Lebkuchen und Plätzchen backte – kiloweise „Nusskipferl“, „Kokosmakronen“, „Springerle“, „Terrassen“, „Zimtsterne“ und natürlich „Spitzbuben“ – war atemberaubend.

Apropos „Spitzbuben“: Manchmal sollte Klein-Egmont Oblaten auf den Backblechen verteilen, wo aber nur ein Bruchteil davon ankam.

Der Rest wurde mit den Worten „Das ist der Leib Christi!“ in einer improvisierten Eucharistie-Feier „geweiht“, wozu sich der Nachwuchs-Pfaffe den viel zu großen, seidenen Morgenmantel seiner Mutter als Ornat umlegte.

Nach der Segnung schritt der Junior-Diener-Gottes feierlich zur Kommunion.

Obwohl oder gerade weil Egmont versuchte, so hochwürde(n)voll zu schreiten wie der Papst in der Christmette, stolperte er immer wieder über die viel zu langen Zipfel des Morgenrocks.

Dabei verschüttete seine Heilig-, pardon: Tollpatschigkeit jedesmal einen kleinen Schwall des kirschsaftsüßen „Blut Christi“ („das ich für Euch… Scheiße, es kleckst!“) auf dem empfindlichen, weil nur gewachsten Eichenparkett.

Als der Vater auf Egmonts Spur kam, brüllte er „Herrgottsakrament“, wodurch „Brot und Wein“ quasi ein zweites Mal gesegnet wurden.

Egmont fing an zu flennen und stopfte sich als Trösterchen einen „Leib Christi“ nach dem anderen in den Mund, ohne sich auch nur eine Sekunde lang als Kannibale vorzukommen.

Kaum hatte sich der Junge beruhigt, beschloss er einen beruflichen Neubeginn.

Er ließ die pastorale Phase hinter sich und verschrieb sich mit Haut und Haaren der Wissenschaft, wollte fortan beweisen anstatt nur zu glauben.

Seine Studien begann er mit einer gründlichen Erfassung und empirischen Bestandsaufnahme der Gerätschaften, die seine Mutter für ihr Backwerk benötigte.

Sodann erfolgte für jedes Utensil eine begriffliche Neubestimmung, in deren Rahmen aus dem „Nudelholz“ ein „Pudelklopf“ wurde, „Ausstecher“ zu „Ausbrechern“ und der Mixer zum … („Keine Ahnung, wo der Kleine das wieder aufgeschnappt hat“).

Nach der Neudefinition der Terminologie, die den Sprachschöpfer mit der Zeit selbst so verwirrte, dass er nicht mehr wusste, wie die ursprünglichen Bezeichnungen lauteten, lenkte Egmont seinen Forschergeist auf die Zutaten.

Bereits nach wenigen Minuten kam der Knabe zu einer Erkenntnis, die ihn zugleich verblüffte und frustrierte: So unterschiedlich Mamas Plätzchen auch aussahen und schmeckten, fast alle bestanden aus wenigen, fast immer gleichen Ingredienzien:
„Butter und Schmalz,
Zucker und Salz…“
Eiern, Nüssen oder Mandeln,
Kakao
und natürlich Zinn, dem Stoff, aus dem Opas altmodische Miniatur-Armee („Der hat nicht mal Kampfjets“) bestand.

Während seiner Inspektion fiel dem Jungen auf, dass sich eine bestimmte Zutat seiner genaueren Erforschung zu entziehen schien.

Erst hielt er es für einen Zufall, doch dann entdeckte er darin gleich in zweierlei Hinsicht eine Systematik.
Zum einen schien diese Zutat fast ausschließlich in Kombination mit geriebenen Nüssen oder Mandeln verwendet zu werden – und zwar reichlich.
Zum anderen wurde sie von der Mutter immer an für ihn nur sehr schwer zugänglichen Orten aufbewahrt – etwa auf dem Küchenschrank oder im Hängeregal ganz oben.

Es musste sich hierbei, schloss Egmont messerscharf, offenbar um etwas sehr Wertvolles handeln, denn vom Rest der Zutaten (außer den Mandeln, die roh giftig seien) durfte er jederzeit naschen – selbst von den frischgebackenen Plätzchen.

Einmal, als seine Mutter kurz die Küche verlassen hatte, schob der kleine Naseweis den Stuhl vor das Regal, stieg auf das Sitzmöbel und tastete …

Vor lauter Aufregung nahm Egmont gar nicht wahr, dass seine Mutter längst wieder zurückgekehrt war.

Als er endlich ihre Anwesenheit bemerkte, zuckte er vor Schreck zusammen; verriet ihr Blick doch, dass er gerade im Begriff war, etwas sehr Dummes zu tun.

Zugleich wusste der Wunderfitz: bei nächster Gelegenheit würde sein Forscherdrang wieder stärker sein als jegliches Verbot und alle Vernunft.

Dann gäbe es kein Zurück mehr und würde er auf volles Risiko gehen.

Leider ließ diese Gelegenheit lange auf sich warten, erst stunden- dann tagelang.

Bald war Heiligabend vormittags.

Die letzte Back-Session stand bevor und damit eine allerletzte Chance, die wissenschaftlichen Studien erfolgreich abschließen zu können.

Egmont ahnte, dass es mitunter nötig war, eine Entwicklung zu beschleunigen, solange die Intervention dem Erkenntnisgewinn und somit höheren Zielen diente.

Also versteckte er das Kakaopulver im Putzmittelschrank.

Gut gelaunt wie immer machte sich seine Mutter ans Werk und räumte – wie vor jeder Backschicht – erst einmal alle Zutaten auf die Arbeitsplatte.

Es dauerte nur wenige Augenblicke, da fiel ihr das Fehlen des Kakaopulvers auf.

Egmont bemerkte sofort ihre leichte Verwirrung und schämte sich zunehmend, als er beobachten musste, wie seine Mutter immer hektischer überall nach dem Kakao suchte (nur eben im Putzmittelschrank nicht) und dabei leise vor sich hin schimpfte.

Es half nichts, Egmonts Mutter musste kurz zum Tante-Emma-Laden um die Ecke.

Und siehe da: in ihrer Konfustion vergass sie, das geheimnisvolle Elixier dem Zugriff ihres Filius’ zu entziehen.

Sobald die gute Frau die Wohnung verlassen hatte, ergriff Egmont die Chance, sprich jenes geheimnisvolle Gefäß – das Objekt seiner Begierde.

Des Knaben Puls pochte dabei so laut im Hals und in der Brust wie die große Trommel des örtlichen Fanfarenzuges, aber im Gegensatz zu dieser rasend schnell.

Weil der sich Verschluss – ein Korken mit Kunststoffkappe – nicht sofort öffnen ließ, klemmte Egmont sich diesen zwischen die Zähne und zog beidhändig und mit ganzer Kraft an dem Gefäß.

Endlich, unendlich langsam schien sich der Pfropfen zu lösen.

Dennoch benötigte der kleine Forscher in immer kürzeren Abständen immer längere Erholungspausen.

Nach einem Dutzend weiterer Kraftanstrengungen wurde Egmont klar, dass seine Energiereserven allenfalls noch für einen letzten Versuch ausreichten. Und dabei musste er seine ganze Willensstärke einsetzen.

Egmont schloss die Augen, atmete ein paar Mal tief durch und mobilisierte in einem Ruck die gesamte Power seines kindlichen Körpers.

Plötzlich schoss – mit einem Ploppen, das so laut war, dass der Nachwuchsforscher vor Schreck beinahe die Pulle fallen gelassen hätte, der Korken aus dem Flaschenhals.

Neugierig schnupperte Egmont sogleich an der Flaschenöffnung.

Zog aber seinen Riechkolben reflex- und blitzartig sofort wieder zurück.

Nie zuvor hatte er diesen beißenden Geruch an den Plätzchen bemerkt.

Offenbar musste diese rotgoldene, klare Flüssigkeit aber harmlos sein, denn schließlich kamen große Mengen davon beinahe in jeden Teig.

Egmont schloss die Augen, setzte die Flasche an die Lippen, öffnete den Mund und kippte vor lauter Aufregung einen so mächtigen Schwall in die Mundhöhle, dass sich das Zuviel an Flüssigkeit, das er nicht sogleich schluckte, von dort aus in großen Spritzern über seine Kleidung und Umgebung ergoß.

Dort, wo das rotgoldene Nass mit Haut und Schleimhäuten in Berührung kam, fing es sofort heftig an zu brennen – so als hätte Egmont Benzin geschluckt und entzündet.

Egmont würgte krampfhaft.

Keuchte.

Vor seinen Augen tanzten kleine Flämmchen im Kreis, dann wurde es „schwarz“

Sein Körper sackte zusammen.

Im Nachhinein wusste der Junge nicht mehr, wie lange er „weggetreten“ war.

Sobald Egmont aus der Ohnmacht erwachte, schrie er wie von der Tarantel gestochen.

Panisch registrierte er, dass die Säure (oder was sonst es war) offenbar seinen Rachen, Unterkiefer und die gesamte Mundhöhle weggeätzt hatte.

Vor Schrecken brüllte Egmont aus voller Brust, wobei jeder Atemzug infernalisch schmerzte, denn einzelne Rinnsale des Höllensaftes waren bis in beide Lungenflügel vorgedrungen.

Abermals verlor Egmont das Bewusstsein.

Als er wieder zu sich kam, lag er in den Armen seiner Mutter, die ihn mit sanften Worten beruhigte.

Es dauerte lange Minuten, bis seine tränentrüben Augen wieder klar sehen konnten.

Da fiel Egmonts Blick auf die Flasche mit der rotgoldenen, klaren Flüssigkeit.

Er zählte, worauf er und seine Eltern sehr stolz waren, bereits mit „Drei, fast Vier“ fehlerfrei bis Vierzig.

Aber Lesen, das konnte er noch nicht.

Und selbst wenn er die Worte auf den beiden Etiketten der Flasche hätte lesen können, hätte sich deren Sinn ihm wohl kaum erschlossen.

Stand dort doch in geschwunger Schrift u.a. :  „The Spirit of Austria“.

Worin auch  immer dieser Geist bestand?!

Vielleicht war es ja eine Umschreibung für den berühmt-berüchtigten alpenländischen “Schmäh”, den Egmonts Vater als “schmierig” empfand.

Außerdem prangte auf dem Label gülden, in serifenlosen Lettern die eigentümliche Bezeichnung  „INLÄNDER RUM“.

Die aggressive Flüssigkeit war folglich nur für Österreicher bestimmt und nicht für Menschen aus anderen Ländern.

Vermutlich musste Egmont deshalb so leiden, weil er gegen dieses Verbot verstossen hatte.

Genauso rätselhaft wie die Einschränkung auf Alpenwäldler wirkte ein weiteres Wort auf dem Label.

In fetten, weißen, großgeschriebenen Lettern, die schwarz umrandet waren, stand dort: 

„STROH“.

Wahrscheinlich drückte das Wort die versteckte Warnung aus, dass der Rum lichterloh brannte.
 

Aber wie gesagt,  Egmont konnte seinerzeit weder Buchstaben noch Zahlen lesen.

So erfasste der Junge auch die Bedeutung jener schwarz-goldenen „80“ auf dem orangefarbenen Etikett nicht – ganz zu schweigen vom „%“-Zeichen.

80%
Alkohol!

Die holten selbst den neugieristigsten Forschergeist – wenngleich auch etwas unsanft – wieder zurück auf den Boden der Tatsachen.