Alte Knochen (Fortsetzung)

Graphik: Ewald Wildtraut M.A. Kunst | Konzepte. 2019
© Graphik: Ewald Wildtraut M.A. Kunst | Konzepte. 2019

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Man und frau müsste also noch viel mehr weinen, da sich die Situation unter der „ewigen” Kanzlerin Angela Merkel, die das Land schon seit 2005 „regiert“, drastisch verschärft hat. 

Kinder und Jugendliche haben keine starke Lobby. Weil sie demographisch eine Minderheit darstellen und ihnen das Recht zu wählen vorenthalten wird. 

Deshalb geben alte und ältere Leute – die Zielgruppe der tatsächlich kinderlosen „Mutti“ Merkel, welche sie vorzugsweise mit allerlei Wahlgeschenken bedenkt – hierzulande den Ton an.

Also exakt jene Typen, die für einen gut Teil der aktuellen Probleme und zukünftigen Desaster verantwortlich sind, die aber deren Folgen nicht mehr ausbaden müssen, weil sie dann (zum Glück?!) größtenteils schon tot sein werden.

Viele Menschen machen sich aktuell Gedanken darüber, wie die stetig wachsende Kluft zwischen Arm und Reich verringert und die Gesellschaft gerechter gestaltet werden kann.

So auch Kevin Kühnert, der Juso-Vorsitzende (Scharping schaffte es übrigens nur zum Juso-Vize) in einem Interview mit der Wochenzeitung „Die Zeit“. 

Hätte Kevin gewusst, was er mit seinen Thesen zum „Demokratischen Sozialismus“ auslöst, wäre er wohl besser allein zu Hause geblieben. Es gab ein riesiges Echo in Politik und Publizistik – besonders aber in den „sozialen“ Medien, wo veritabler „Shitstorm“ wütete. Auch dieses schrift- und wortgewalt(ät)ige Schlachtfeld gab es 1995 noch nicht. 

Über die Medien-Resonanz berichtete die Tagesschau vom 02.05.19 ebenso wie über den 500. Todestag von Leonardo da Vinci – laut der allmächtigen und -wissenden Reporterin (bah!) – eines „Künstlers, der vieles vollbrachte und nur wenig vollendete.“

Apropos Künstler. Am 30.03.1995 hingegen, verschwieg die Tagesschau den Geburtstag von gleich zwei großen Künstlern: Francisco de Goyas 249. und Vincent van Goghs 142. Waren wohl nicht “rund” genug, die Wonnentage der beiden Malergenies. 

Vielmehr behandelten die Nachrichten in gleich zwei „Blöcken“ die Urteile des Berliner Landgerichts gegen zwei ehemalige DDR-Richterinnen – eine davon wirkte in den 1950er Jahren an 4 Todesurteilen des obersten Gerichts der DDR gegen „politische Gegner“ mit, die andere „Rechtsverdreherin“ verhängte 1984 mehrjährige Strafen gegen Ausreisewillige, nur weil „sie sich an die Bonner Vertretung in Ostberlin gewandt hatten.“

Gut fünf Jahre nach dem Mauer-Fall und fünf Jahre vor dem „Millenium“, sprich dem Wechsel von den 19er- zu den 20er Jahreszahlen (der eigentliche Jahrtausendwechsel erfolgte ja erst in Jahr später) war frau und man noch mittendrin in der juristischen Aufarbeitung des Un-Rechts im ehemaligen „Arbeiter- und Bauernstaat“. 

War also nix mit Erich „Honi“ Honeckers Prophezeiung: „Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf!“ 

Tatsächlich zählt zu den Nachwehen des Untergangs der „Deutschen demokratischen (bewusst kleingeschrieben) Republik (DDR)“ ein Aufkommen rechtsradikaler Tendenzen (oder wurden diese vorher nur verdeckt von der grauen, piefigen und bröckligen Fassade des real eben doch nicht existierenden Sozialismus?)

In den Nachrichten vom 13.03. 1995 wird nicht nur von der Festnahme von 13 Mitgliedern einer Wehrsportgruppe aus Sachen-Anhalt berichtet, sondern auch vom ersten Spatenstich zum „Wiederaufbau der jüdischen Baracken im ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen“, die am 26. September 1992 von zwei Angehörigen aus „der Skinhead-Szene“ in Brand gesteckt wurden.

Wer jetzt „typisch Ossis“ denkt oder sagt, liegt ziemlich daneben, denn in der gleichen Tagesschau ist davon die Rede, dass „Unbekannte Brandsätze auf türkische Läden, Reisebüros und Gebetshäuser“ geworfen hätten – u.a. in Salzgitter, Heidelberg, München, Köln, Berlin und Herrenberg.

Bestürzend, dass nicht nur das Thema “Ausländerhass”, sondern auch der “Antisemitismus” ein Viertel Jahrhundert später noch Anlass für die Berichterstattung ist. “Aufhänger” (schreckliches Wort in diesem Zusammenhang), war der “Marsch der Lebenden”, der am 02.05.19 in Ausschwitz zur Erinnerung an den Holocaust stattgefunden hat. Im Tagesschau-Bericht nur angedeutet wurde die leider nicht enden wollende Kette von Diffamierungen bzw. Übergriffen auf jüdische Menschen und Mitbürger, zu denen es in jüngerer und jüngster Vergangenheit kam.

Gänzlich undenkbar wäre im Jahr 1995 der “Aufmacher” der Nachrichten vom 02.05.19 gewesen: „Bundeskanzlerin Merkel hat den Bundeswehrsoldaten in Mali für ihren Einsatz im Kampf gegen islamistischen Terror gedankt. Während ihrer Afrika-Reise besuchte sie erstmals das Camp in Gao.“

Zwar gab es seinerzeit schon Attentate irregeleiteter religiöser Fanatiker, aber halt in irgendwelchen entlegenen Weltregionen. Weiland wäre aber niemand  auf die Idee gekommen, dass „unsere“ – sprich die bundesdeutsche – „Sicherheit am Hindukusch verteidigt“ wird. Vielmehr galt damals, „am deutschen Wesen“ sollte niemals mehr „die Welt genesen“.

Mitte der 1990er Jahre ebenso wenig vorstellbar wäre die Meldung vom 2. Mai 2019 gewesen, dass auch „in einer nicht-ehelichen Gemeinschaft“, Menschen „die Kinder des Partners adoptieren“ können, „wenn diese Beziehung stabil ist.“ 

Diese gesetzliche Regelung, die vom Bundesverfassungsgericht an diesem Tag höchstrichterlich bestätigt wurde, gilt nun auch für gleichgeschlechtliche Partnerschaften. 

Letztere fürchten insbesondere die verantwortlichen Rockträger (sic!) der katholischen Kirche fast so sehr “wie der Teufel das Weihwasser.“

Wessen (un-)heiligen Geistes Kind diese Herren, die Prügelorgien an und den massenhaften Missbrauch von Kindern jahrzehntelang betrieben, duldeten und verdunkelten, zeigt  ein Detail aus der Enzyklopädie „Evangelium Vitae“, die der damals schon „ewige“ Papst Johannes Paul II. Ende März 1995 veröffentlichte (die Tagesschau berichtete): “Abtreibung, auch nach Vergewaltigung, sei ebenso Sünde wie jede Form von künstlicher Empfängnisverhütung.“

Kein Wunder, dass in den Nachrichten gut zwei Jahrzehnte später berichtet wurde, dass die beiden großen Kirchen in Deutschland bis 2060 die Hälfte ihrer Mitglieder verlieren könnten – konkret wird ein Rückgang von 44,8 Millionen im Jahr 2017 auf 22,7 Millionen im Jahr 2060 prognostiziert.

Was in beiden Nachrichten an beiden Tagen nicht (direkt) vorkam, waren u.a. folgende Dauer-Themen 

  • die „Klimakatastrophe“ infolge der Verbrennung fossiler Energieträger (vielleicht wäre späteren Generationen ja eine intelligentere Nutzung des Erdöls und -gas’ eingefallen, aber – ätsch! – wir, die gierig-dummen Typen des 21. Jahrhunderts waren eben schneller!)
  • die „Globalisierung“, die auf ihrem Siegeszug rund um die Welt tagtäglich unzählige Opfer an Mensch und Natur fordert. Scheiß drauf, Hauptsache: die Aktienindizes steigen, denn die Börse ist der Tempel der Moderne und die Kurstafel sein Altar. 
  • das „Wettrüsten“, mit Vorliebe atomar betrieben. Denn: was gibt’s Geileres als ein Schwanzvergleich in Overkill-Dimensionen?! 
  • die „Datensammelwut“ staatlicher Institutionen und privater Unternehmen, die nur noch übertroffen wird von törichten „Usern“, die sich entblöden, für ein paar lausige „Likes“ freiwillig und freimütig intimste und privateste Details von sich auf den „Jahrmarkt der Eitelkeiten“ zu tragen.  
  • die „künstliche Intelligenz“, weil es mit der menschlichen offenbar nicht so weit her ist. Also verlassen wir uns, statt selbst nachzudenken und zu handeln, auf autonom agierende, fahrende, bald auch fliegende Systeme, deren „Absturz“ nur eine Frage der Zeit ist (schließlich sind solche Applications ja Menschen-Werk, also potentiell und exponentiell fehlerbehaftet). 
  • die „Bevölkerungsexplosion“: bald werden 10 Milliarden (un)menschliche „Irrläufer der Evolution“ einen immer öderen „blauen Planeten“ bevölkern, weil der Homo – von wegen –sapiens bewirkt, dass andere Arten millionenfach aussterben (teilweise bevor sie überhaupt erforscht wurden), während er selbst –  Tod und Leid bringend – sich weiterhin die „Welt untertan“ macht. 

Die Gegenwart und Zukunft sieht also ziemlich düster aus. 

Apropos düster. 

Düster waren auch die Tage, als die „Dark Wave“ entstand.

In Großbritannien regierte Ende der 70er Jahre die „ewige“ Premierministerin Maggie Thatcher. Als „eiserne Lady“ wickelte sie nicht nur auf brutalst mögliche Art und Weise Minen, Stahlwerke und Werften ab, sondern stellte eiskalt gleich auch ganze Regionen und Städte, die einst – im wahrsten Sinne des Wortes – das glühende Herz des Empires waren, ins Abseits.

Die Perspektive für die Jugendlichen ließ sich damals in zwei simplen Worten zusammen fassen: „No future!“ 

Konsequent, dass sich viele mit Alkohol oder anderen psychoaktiven Stoffen selbst entsorgten. 

Die Schlaueren griffen zu Bass oder Gitarre, lernten drei Akkorde und kotzten ihre Wut heraus. 

Der Punk war geboren.

Und bald schon am Ende!

Stets dieselben Dreiklänge „raus zu hauen“, den immer gleichen spätpubertären Ritualen zu frönen und nach jedem gebrochenen Tabu eine noch „heiligere“ Kuh zu schlachten, war auf Dauer halt ziemlich öde. Zumal es ja auch gesellschaftlich nichts änderte und die tumbe Mehrheit sich fragte, was diese kaputten Typen eigentlich konstruktives anzubieten hatten.

Das Schlimmste aber, was dem Punk passieren konnte, war, dass er mit der Zeit zu einer Mode und dadurch zu einer Karikatur seiner selbst verkam. Besonders in der teutonischen Variante des Fun-Punks, deren Leitfiguren sich nach sauren Drops und Heilberufen benannten und als ewige Berufsjugendliche dazu verdammt sind, mehr Kohle zu scheffeln als die Gebrüder Albrecht.  

Bevor wir wieder in Anfangszeit der „dunklen Welle“ zurückkehren, lassen Sie uns kurz einen Blick noch weiter in die Vergangenheit werfen.

Anfangs des 19. Jahrhunderts entstand als Reaktion auf die gewalt(ät)igen Umbrüche, die mit der Industrialisierung einher gingen – wie die Landflucht und Verstädterung, die Mechanisierung und Maschinisierung, die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen und menschlichen Arbeitskraft –  ein weit verbreitetes Gefühl der Entfremdung von der Natur. 

Der einzelne und vereinzelte Mensch stand nun – gottverlassen – vor entfesselten Kräften, auf die er  selbst nur noch äußerst geringen Einfluss hatte, die ihn umgekehrt aber jederzeit so brutal wegfegen konnten wie ein Tsunami den „Mönch am Meer“.

Bei diesem Hauptwerk der Romantik ist jener, in dieser Kunstepoche vorherrschende Hang zur Melancholie so sicht- und spürbar wie selten. 

Die Arbeit Caspar David Friedrichs entstand nur wenig Jahre nach der Französischen Revolution, die mit der „Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte“ und den aufklärerischen Idealen von „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ ein strahlendes Licht der Hoffnung in eine düstere Welt gebracht hatte. 

Als es erlosch, hatten reaktionäre Monarchen den Freiheiten, die kurze Jahre ohnehin nur ein kleiner elitärer männlicher Kreis genossen hatten (Frauen und die “niederen” Stände wurden ja nicht gleichgestellt), ein jähes Ende gesetzt. Und auch mit der Brüderlichkeit war es nicht weit her. Schließlich schickten die revolutionär gesinnten Bürger einander tausendfach auf das Schafott. 

Europa war verwüstet von Kriegen und die Hoffnung auf bessere Zeiten passé. 

Während die Menschen vor der Aufklärung aber noch die fromme Erwartung eines Paradieses im Jenseits irdische Pein erdulden ließ, mussten sie jetzt erschrocken erkennen: „Gott ist tot!“ (so sprach nicht etwa Zarathustra, sondern das „Nietzsche-Entchen“.)

Anders formuliert: No Future.

Viele Menschen zogen sich folglich – Stichwort: Biedermeier – in einem frühen Cocooning aus der Zivilgesellschaft und Öffentlichkeit zürck in ein selbst bestimmtes häusliches Idyll. 

Andere versuchten den überall lauernden Bedrohungen wenigstens gedanklich zu entfliehen –  durch Literatur, die den Leser (w / m) in phantastische und exotische Welten entführte oder den Dämonen der frühindustriellen Ära eine Gestalt oder ein Gesicht gab, wie etwa Mary Shelley in ihrem Roman „Frankenstein –The Modern Prometheus.“

So changierte die Romantik zwischen süßem Kitsch und morbidem Horror.

Interessanterweise (ent)standen solche Sentiments nicht nur am Anfang der Industrialisierung, sondern auch am Ende des industriellen Zeitalters.

Es gab sogar eine Musik- und Modewelle namens „New Romantic“, die – laut Wikipedia – etwa von 1978 bis 1982 populär war.

In Manchester, der Wiege des Kapitalismus und der maschinellen Massenfertigung, griffen Joy Division sich Ende der 1970er Jahre die Trümmer des Punk und kleideten sie in Moll und Schwarz. 

Der Sänger der Band, Ian Kevin Curtis, hätte mit seiner rauchig-tiefen Stimme gut als Pressesprecher Luzifers fungieren können. In Wirklichkeit aber eine sanfte und empfindsame Seele, litt er wie einst der „junge Werther“ an der Welt und seinen persönlichen Umständen. Und zog wie Goethes Phantasie-Figur die Konsequenz, in dem er final die Hand an sich legte (gefolgt in späteren Jahren übrigens von einem Verehrer Curtis’ namens Kurt Cobain, der sich selbst ins Nirvana schoss. Oder Keith Flint von Prodigy – einer Band, welche die Power des Punk mit mächtigen den synthetischen Beats und der tanzbaren Elektronik des Raves – auch so ein Manchester Markenprodukt – kombinierte).

In Sheffield, einer anderen Industriestadt, experimentierten Cabaret Voltaire (benannt nach der Züricher Keimzelle des Dadaismus) schon seit 1973 mit elektronischen Klängen, die sie mit dem Klang der Maschinen ihrer Stadt kombinierten. Das Ergebnis hörte sich so radikal neu und anders an, dass manche Besucher ihres ersten Konzertes ihre Überforderung nicht anders in Griff bekamen, als die Musiker körperlich zu attackieren.

Die Geburtsstunde der „Industrial Music.“    

Zu dieser Richtung zählten in Deutschland auch die „Einstürzenden Neubauten“. Die Berliner Band verrührte Punk-Gitarren und Synthesizer-Sounds „In Stahlgewittern“ (Ernst Jünger).

Das Ergebnis:  infernalisch-akustische Endzeit-Gemälde.

Neben dem imposanten FM „Mufti“ Einheit, der virtuos markerschütternden Lärm aus rostigen Metallplatten, T-Trägern, Einkaufswagen, Stahlfedern und Plastikbehältern zauberte, stach bei den „Bauten“ optisch besonders der Sänger und Gitarrist Blixa Bargeld heraus.  

Blixa’s Outfit: komplett „dressed in Black“, wie ein Song von „Depeche Mode“ heißt (die englische Gruppe verwendete in ihren Anfangsjahren öfter „Samples“ (sprich:  kurze Sound-Schnipsel aus Songs anderer Musiker) der „Einstürzende Neubauten“. 

Und auch die beiden Musiker, deren Konzerte in den Jahren 1995 und 2019 Anlass und Rahmen zum vorliegenden Text gaben, bedienten sich bei den „Neubauten“, in dem sie sich bei der Wahl ihres Bandnamens von folgender Songpassage Blixas inspirieren ließen: „Auch Lakaien haben Taktgefühl.“ 

Bargeld, der als Christian Emmerich auf die Welt kam, war in seinen Twen-Jahren von ähnlich „trauriger Gestalt“ wie Don Quijote oder Karl Valentin (nur eben nicht so komisch wie die beiden, vielmehr teutonisch-tiefgründig, oft bis an die Schmerzgrenze). 

Auf Blixas leichenblassem, schmalem Gesicht saß eine Art Krone aus steil aufragenden, spaghettilangen schwarzen Haaren.

Eine ähnliche Frisur, die stilbildend für Dark Waver (w / m) wurde, zierte auch den Kopf der englischen Gruppe „The Cure“, Robert Smith, nur dass bei ihm – im Vergleich zu Emmerich – die schwarze Mähne noch viel imposanter in die Höhe ragte und ihre Strähnen wie die Schlangen auf dem Haupte der Medusa wirr durcheinander rankten.

Smith schminkte sein Gesicht ebenso kreideweiss wie die Sängerin der „Siouxsie and the Banshees“, einer befreundeten Dark-Wave-Combo, in der der „dicke Robert“, der erst heutzutage etwas pummelig daher kommt, als Teilzeit-Gitarrist fungierte. 

In der irisch-gälischen Mythologie gelten „Banshees“ – meist dargestellt als weiß gewandete Frauen mit einem totenbleichen Antlitz und schwarzem Haar – als Wesen „aus dem Feenreich“, die Familien einen zeitlich nahen Todesfall von Angehörigen vorankündigen.

Beim Lesen werden Sie sich vielleicht gewundert haben, dass die Banshees weiße Kleidung trugen. 

Weiß galt in vielen Regionen Europas und Deutschlands bis ins 19. Jahrhundert hinein als Farbe der Trauer und des Todes. Folglich wurde auch nicht in Weiß geheiratet, sondern hatte das Brautkleid schwarz zu sein.

Schwarz war auch die dominierende Farbe hunderter Gestalten beiderlei Geschlechts sowie mancherlei androgynem Mischwesen, die sich am 30.03.1995 vor dem Prinzregententheater zu München versammelten und Einlass in das Gebäude begehrten.

Der um 1900 errichtete Theaterbau fungierte nach 1945 als Interims-Spielstätte für die „Bayerische Staatsoper“, deren Stammhaus – das „Nationaltheater“ – am Max-Joseph-Platz bei einem alliierten Luftangriff am 03.10.43 durch Fliegerbomben bis auf die Umfassungsmauern zerstört wurde.

Als die Staatsoper nach dem Wiederaufbau 1963 wieder an seine ursprüngliche Adresse zurückkehrte, war das Prinzregententheater ohne Funktion und wurde bald darauf für baufällig erklärt. 

Fortan verfiel das „Prinze“ in eine(r) Art Dornröschen-Schlaf, bis Anfang der 1990er Jahre ein umtriebiger Kultur-Kobold namens August Everding die Idee einer Theaterakademie entwickelte, die dortselbst beheimatet sein sollte. Vor der dazu notwendigen Generalsanierung wurde das Haus für wenige Konzerte genutzt, u.a. an diesem Abend Ende März 1995.

Obwohl ein frostiger Wind durch die Prinzregentenstraße und den gleichnamigen Platz vor dem Theater zog, hatten die meisten der dort Wartenden erstaunlich luftige,  fast ausschließlich schwarze Gewänder an (nur der rote Pullover der Partnerin des Autors stach aus dem uniformen Einheits-Anthrazit heraus). 

Wider alle Vernunft – angesichts von Null-Temperaturen – verzichteten die Goth’ auf Mützen und Mäntel, Handschuhe und Winterstiefel, denn diese hätten ihr extravagantes Outfit verborgen, anstatt es voll zur Geltung zu bringen. 

Junge Frauen, von luftiger schwarzer Seide und Spitze nur spärlich verhüllt, bibberten am ganzen, ausgemergelten Körper. Ihre vor Kälte blau gefrorenen Lippen fielen nur deshalb nicht auf, weil darüber dick schwarzer oder grellroter Lippenstift aufgetragen wurde. 

Ob Weiblein, ob Männlein, das Gros der Besucher, die froh waren, als sie mit der Zeit ins dekorative Foyer des “Prinze” treten durften, trugen wilde Irokesen- und smithesque Medusen-Frisuren, wobei der Hinterkopf und die Seiten zumeist tief ausrasiert und mit allerlei satanischer Symbolik tätowiert waren.

Der Autor besuchte damals häufig Wave- und Goth-Konzerte und fragte sich jedes Mal, aus welcher Gruft die sinistren Nachtschattengewächse wohl gekrochen kamen, die man sonst  im brav-bigotten-CSU-FJS-Schwarzen Loch München  nie zu Gesicht bekam .

Von diesen authentischen Damen und Herren der Finsternis, die ihr Outfit mit allerlei Amuletten und Schmuck zierten, deren Bedeutung der Schreiber dieser Zeilen nicht kannte, hob sich klar die zahlenmäßig unbedeutende Fraktion der Pseudo-Goths (w / m) ab, die – auf einen Blick ersichtlich – ihre im Alltag „ordentlichen“ Haare extra für den Event hochtoupiert und schwarz getönt hatten.

Dadurch kamen sie so „authentisch“ rüber wie die „Punker-(bah!)-Frisur“ Glorias von Thurn und Taxis. Einer in Wirklichkeit hochreaktionären Blaublüterin, deren rassistische Beleidigungen etwa von Schwarzen traurige Bekanntheit erlangten. So viel Niedertracht und Dummheit kommt wohl davon, wen man sich – wie in Adelskreisen üblich – inzestuös durch die Jahrhunderte schnackselt.

Apropos schnackseln: durch schwule Freunde erfuhr der (heterosexuelle) Autor bereits Ende der 1980er Jahre davon, dass Glorias Ex-Gatte Johannes damals oft und gerne einen Abstech/ker in München Gay-Szene machte. Mutmaßlich aus Frust darüber, stimmt die – laut eigener Aussage – „gläubige Katholikin“ und mit braunen Kreisen sympathisierende Un-Edle – kirchen-typisch doppelmoralinsauer – der These zu, dass Homosexualität „contra naturam“ sei. Deshalb, so die Regensburger Scheinheilige, sollten Schwule und Lesben besser beten (“besser beten”?! Klingt schräg!), damit sie nicht „in die Hölle kommen.“

Oh Herr, wirf Hirn vom Himmel!

Halleluja!

“Halleluja!”, dachte bestimmt auch so mancher Freund (w / m) besagter konzertanten Aufführung vom 30.03.1995, als er bemerkte, dass entgegen der üblichen Concert-Gepflogenheiten, im Prinzregententheater nicht herum gestanden und gepogt werden konnte.

Stattdessen nahmen die wehrten Gäste auf mit edlem, rotem Samt bezogenen Gestühl Platz.

Von den Rängen aus fiel der Blick auf die imposante (wohl nicht nur zu diesem Anlass) komplett schwarze Bühne, auf der sich ein Steinway-Flügel nebst Klavierhocker sowie ein Mikrofon samt Ständer verloren.

Das gleiche Setting (ergänzt um ein paar akustische Gitarren und Mikrofonständer)  konnte fast ein viertel Jahrhundert später auch in der alten Kongresshalle registriert werden. Dieses 1952 /53 errichtete Gebäude an der Theresienwiese, war einst Teil der Messe München, bevor diese in Riem landete, wo so sich bis 1992 der Flughafen der bayerischen Landeshauptstadt befand.

Laut Eigenwerbung gilt als Besonderheit des denkmalgeschützten, wandelbaren Ver­anstaltungsortes “seine geradlinig-schlichte, retrofuturistische Architektur, die sich im Innenraum fortsetzt und den einzig­artigen Charakter des Münchner Kulturgutes ausmacht”.

Bevor die werten Damen und Herren am 2. Mai 2019 ebenda Platz nehmen durften, mussten sie einige Zeit vor dem geschlossenen Portal der Halle warten. Was aber kein Problem war, da an diesem Nachmittag frühsommerliche Temperaturen herrschten sowie ein frischer Wind, der belebend auf Geist und Körper wirkte.

In der immer länger werdenden Menschenschlange vor dem ehemaligen Kongresszentrum stehend, bot sich dem Autor die Gelegenheit, die Besucher ausführlich – bah, das tut man doch nicht ! – zu beobachten und zu belauschen.

Es dauerte nur Sekundenbruchteile, da fiel sein Auge auf ein schockierendes Detail, das beim Event am 30.03.1995 absolut undenkbar gewesen wäre.

Da trug doch ein Herr, der etwa fünf Meter weiter vorne stand – Ich fasse es immer noch nicht!  – tatsächlich – Das muss man sich mal vorstellen! – … ein

… weißes !!!!!!!!! Hemd!!!

Weiß!?!

Sag’ mal!?!

Geht’s noch?!?

Ansonsten fiel an diesem Herren nur seine Körperfülle auf. 1995 galt ein solcher Junkie X(XXX)L noch als so selten wie ein weißer Rabe.

Seither folgte offensichtlich nicht nur dieser Gentleman, sondern eine Reihe weiterer Konzertkartenbesitzer (m / w) leider dem ungesunden Trend zum “Supersize me!” – darunter auch der Verfasser, der 1995 noch heroin-chic hager daher kam, ohne jemals an Nadel oder Joint gehangen zu sein.

Lassen Sie uns noch einmal kurz auf das Outfit der Leute vor der alten Kongresshalle zurückkommen.

Als Zeichen dafür, dass die anwesenden “Herren der Schöpfung” auch anno 2019 noch keine Dieter-Bohlen-Camp-David-Fans waren, trugen sie zu fast 100 Prozent schwarze T-Shirts (und Hosen) – vorzugsweise bedruckt mit Fantasy-Motiven oder mit Logos von Bands, die wie Rammstein oder Oomph! der “neuen deutschen Härte” zugerechnet werden können.

Insgesamt kamen die Kerle eher sittsam, ja langweilig daher. Jedenfalls sah man  – im Gegensatz zum Prinze-Publikum weiland – in der Schlange keine, in seidenschwarze Gewänder gehüllten Derwische und Hohepriester mehr, ebenso wenig androgyne Adonisse, die sich in Lackleder gezwängt hatten (wozu sie, warum auch immer, vorzugsweise “spitzen”-(Ha-ha!)-bewehrte Bustiers trugen); und auch die Zombie-, Kosmo- bzw. Astronauten-Fraktion glänzte durch Abwesenheit.

Ebenfalls nicht gerade in Paradiesvogel-Laune schien im Frühjahr 2019 die Damenwelt zu sein. Nur wenige Frauen trugen die üblichen, viel Haut (genauer: Cellulite) zeigenden, spitzenumsäumten Röcke in dunklem Anthrazit. Überwiegend kamen sie jedoch im gleichen uniformen Unisex-Outfit daher wie die Mannsleute (schwarze Jeans und T-Shirt).

Bemerkenswert, wenn auch nicht unbedingt szene-typisch, waren hingegen jene Damen in Kostümen aus schwerem Tweed, die vermutlich geradewegs aus dem Lehrer- bzw. Vorstandszimmer zum Konzert geeilt waren. 

1995 griff der gemeine DL-Fan (w / m) noch beherzt zum Schminkkasten, um das Gesicht leichenblass zu tünchen, wobei für ein möglichst morbides Antlitz zudem die Wimpern nachtschwarz getuscht sowie die Lippen, Augenbrauen und -lider großzügig mit dem Kajal akzentuiert wurden.

So auszugehen, trauten sich die tendenziell piefigen 2019er-Typen nicht mehr und hätte den nicht mehr ganz taufrischen Leutchen auch nicht gut zu Gesicht gestanden.

Eher mau sah es auch in Sachen “Kopfschmuck” aus. Groteske Turmfrisuren à la Robert Smith gab es 2019 gar nicht mehr zu bestaunen – vor allem weil den Burschen dafür mittlerweile oft das “Baumaterial” – sprich: die Haare – im wahrsten Sinne des Wortes ausgegangen war.

So blieb es Herrn Veljanow, dem Sänger, vorbehalten, die Goth-Ehre, sprich die Haare hoch zu halten. Der Autor vermutet, dass der pferde-beschwanzte Bariton über eine extra für ihn konstruierte Apparatur verfügt, die seine Mähne dauerhaft in eine Kastenform samt mittiger Ablaufmulde im Deckhaar zwingt. Dass die Frisur sitzt, dafür sorgt bestimmt “Drei-Wetter-Taft”, das in besagtem Gerät mittels unzähliger Sprühdüsen gleich literweise in Alexanders Matte verfrachtet wird.

Gegenüber dieser Haarpracht konnte auch die holde, heuer oft eher welke Weiblichkeit nicht anglänzen. Am ungewöhnlichsten waren noch Frisuren in allerlei Rottönen, die so unnatürlich und übertrieben erschienen, dass man fürchtete, all die hierfür notwendigen ätzenden und gefährlichen Chemikalien könnten sich plötzlich selbst entzünden, was immerhin für eine ungewöhnliche Licht-Show gesorgt hätte, die auf der Bühne ja nicht geboten wurde.

Was dort zu hören war: Alexander Veljanows schön tiefe oder tiefe schöne Stimme, die auf Dauer aber eher langweilte, weil sie bei jedem Lied gleich klang. Der Autor hätte sich gewünscht, der Sänger hätte Gefühle nicht nur durch allerlei übertrieben theatralische und gefühlige Gesten ausgedrückt, sondern sein Vokalorgan auch mal rappend, drohend, überschnappend, flüsternd oder sonst wie über die eher engen Grenzen seiner Möglichkeiten hinaus gewagt.

Dann hätte er jenen tollkühnen musikalischen Geist seines Mit-Lakaien, Ernst Horn bewiesen.

Was dieser zurückhaltend lächelnde und gestikulierende, immer das Wort meidende Herr an beiden Abenden (1995 und 2019) mit dem Steinway-Flügel anstellte, war atemberaubend.

Als leidenschaftlicher Liebhaber experimenteller, harter, düsterer und / oder tanzbarer elektronischer Musik war der Autor Ende der 1980er Jahre auf “Deine Lakaien” gestossen.

An deren “Mucke” fiel ihm damals neben der ungewöhnlicher Virtuosität  / Melodik, die auf einen klassischen Background schließen ließ, vor allem das Bemühen und Vermögen auf, mit Synthesizern und Sequenzern neue, bis dahin so nicht gehörte Sounds, perkussive Patterns und Loops zu generieren.

Entsprechend skeptisch war der Schreiberling, als er erfuhr, dass Deine Lakaien ihr Repertoire akustisch auf die Bühne bringen wollten (sie folgten damit dem Trend, den MTV ab 1989 mit seiner “unplugged”-Reihe auslöste).

Um den Klang des Pianos zu verfremden und die Klänge der Synthesizer nachzuahmen, benutzte Ernst Horn ein präpariertes Klavier; eine laut Wikipedia vom US-Avantgarde-Komponisten “John Cage um 1940 eingeführte Technik, an bestimmten Stellen der Saitenchöre eines Klaviers Gegenstände wie Radiergummis, Nägel, Papier usw. einzusetzen, die entweder Mehrklänge, Flageolett-Töne oder perkussive Klänge hervorbringen.” Zudem trommelte Horn u.a. mit Drum-Stick auf den Klangsaiten des Flügels herum oder verwendete Blechzylinder, um in Slide-Guitar-Manier metallische Klänge aus dem Instrument zu zaubern.

Doch eigentlich hätte es dieser ganzen Verfremdungen gar nicht bedurft, um zu begeistern. Allein schon die hammermäßigen Patterns, die virtuosen Fingerläufe und Oktaven-Kaskaden, die effektvoll eingesetzten Tempi-Wechsel und Momente absoluter Stille, die Horn aus / mit seinem Steinway zauberte, waren atemberaubend.

So verließen die Besucher sowohl am 30.03.1995 als auch am 02.05.2019 überwältigt die Konzertsäle, wobei am letzteren Datum so manche/r bereute, nicht den Rollator oder zumindest einen Regenschirm mitgenommen zu haben.

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