Ausgeliefert (sein)

© Graphik: Ewald Wildtraut M.A. Kunst | Konzepte. 2020
© Graphik: Ewald Wildtraut M.A. Kunst | Konzepte. 2020

Es war einmal eine Firma, deren drei Buchstaben früher für „Deutscher Paket Dienst“ standen.

Dann – laut Wikipedia – für „Dynamic Parcel Distribution“.

Und heutzutage?

Bedeuten die drei Lettern („Nein, nicht die Post-Tochter!“
– nennen wir die Firma vorsichtshalber mal „d?!“) offenkundig:
„dIE (volle) pACKUNG dESASTER“.

Letzte Woche Dienstag (08.01.) bestellte ich bei einem großen Bürobedarf-Anbieter einen kleinen Rollcontainer.

Die Lieferung wurde mir für vergangenen Freitag (10.01.) angekündigt.

Also blieb ich an diesem Tag in meinem Büro, um die Lieferung persönlich anzunehmen und dem Auslieferungs-Fahrer – im wahrsten Sinne des Wortes – entgegenzukommen, damit er das 11 kg schwere Möbel nicht in den vierten Stock wuchten musste.

Doch der d?!-Fahrer dachte unterdessen nicht daran, sich auf den Weg zu meiner Haustür zu machen und bei mir zu klingeln.

Vielmehr pappte er auf das Paket einfach ein Label, auf dem er „verzogen“ vermerkte.

Als ob ich vor lauter Panik, dass mich eine Sendung tatsächlich einmal problemlos erreicht, Hals über Kopf den Wohnsitz bzw. die Arbeitsstelle gewechselt hätte?!

Aufgeschreckt von meiner vermeintlichen Flucht, rief mich die nette Dame vom Bürobedarfs-Versandhandel an, der ich umgehend per Mail meinen genauen Standort (der sich tatsächlich seit zwei Jahrzehnten nicht geändert hat) als penibel genaue Textbeschreibung und darüber hinaus sicherheitshalber noch in Form eines Google-Maps-Screenshots mitteilte.

Nach dem Telefonat und der Mail gingen wir beide davon aus, dass es bei der Nachlieferung keine Probleme geben dürfte.

Doch „d?!“ sah das leider anders.

Und ließ mich erst einmal zappeln, weswegen die Sendung auch am darauf folgenden Montag (13.01.) nicht ankam.

So stieg die Spannung und Vorfreude auf den nächsten Winkelzug von „d?!“.

Zu meiner Überraschung und Freude stellte mir d?! tags darauf (14.01.) am Morgen per Mail die Lieferung in der Mittagszeit – ziemlich genau zwischen 12.16 und 12.36 Uhr – in Aussicht.

Mit Vergnügen verfolgte ich danach per App und virtuellem Stadtplan, wie sich das Lieferfahrzeug immer näher meiner Arbeits- und Wirkungsstätte näherte.

Final eintreffen sollte es zwischen 12.19 – 12.49 Uhr soweit sein.

Um diese Zeit ging ich wieder einmal vor die Haustür, um dem d?!-Fahrer entgegen zu kommen (aber das kennen wir ja schon).

Doch der Fahrer schaute auch dieses Mal – deja vu! – wieder nicht persönlich bei mir an der Haustür vorbei und auch sein Fahrzeug war in „meiner“ Straße nirgendwo zu sehen. Dann wäre ich – frei nach dem Motto “Wenn der Prophet nicht zum Berg kommt, kommt der Berg zum Propheten“ – auf ihn zu gegangen, wenn er es schon umgekehrt nicht auf die Reihe brachte.

Als ich nach einer Viertelstunde zunehmend frustrierten Wartens immer noch nichts von ihm sah, ging ich – ehrlich gesagt – ziemlich “geladen” wieder ins Büro.

Dort erreichte mich eine Mail von d?!, ,,dass mein Paket um 12.38 Uhr ‘erfolgreich’ (Pah!, E.W.) ausgeliefert” worden sei.

Und zwar an eine/n „MOORER“ (Name geändert) – leider ohne eine genaue Adresse anzugeben.

Da ich niemand mit diesem Namen kenne, wandte ich mich an die Service-Hotline von d?!

Jede Frau und jedermann weiss, wie lange man in der Warteschleife eines solchen Call-Centers mit infernalisch übersteuerter Gehirnabtötungs – nun ja – „Musik“ traktiert wird, laufend hingewiesen auf die tollen Services des Unternehmens, die, wenn sie tatsächlich nur annähernd so perfekt wären, bewirken würden, dass man dergleichen „Kackaphonie“ nie zu Gehör bekäme.

Jedenfalls ging nach einigen Minuten eine „Frau Müller“ an den Apparat.

Die Ansprech- (denkste!) – Partner haben vermutlich alle solche Allerweltsnamen, während sie in Wirklichkeit „ Chandra-Kapoormalhotra“ heißen.

Jedenfalls erklärte ich der Dame – oder war´s ein Bot? – was passiert war und dass ich doch bitte gern wüsste, wo das „Bermuda-Dreieck“ liegt, in dem „mein“ Rollcontainerchen verschollen ist.

Auf den versprochenen Rückruf wartete ich leider viele Tage lang vergebens.

Zum Glück meldete sich mittlerweile – von sich aus – Frau MOORER (die für eine Firma in der Nähe tätig ist) mit der frohen Kunde, mein Paket sei bei ihr abgeben worden.

Hätte sie sich nicht gerührt, hätte ich vielleicht nie erfahren, wo die Lieferung abgeblieben ist.

Also holte ich das Paket in der Firma von Frau MOORER ab und freute mich…

… vergebens!

Im Büro angekommen, musste ich die nächste herbe Enttäuschung erleben.

Mutmaßlich aufgrund des unsanften d?!-Transports – der Versandkarton weist äußerlich zahlreiche heftige Schlagstellen, Löcher und Kratzer auf – wurde die linke Ecke des Roll-Containers hässlich beschädigt.

So muss ich leider eine Retoure veranlassen.

Nachtrag… (the) …end!?

Um die Notwendigkeit der Retoure zu untermauern, machte ich sofort noch am 14.01. Fotos vom Rollmöbel, an dem d?! durch eine grob unprofessionelle Handhabung hässliche Spuren hinterlassen hatte.

Das Bild hängte ich in eine, im Laufe des späten Nachmittags des 14.01. verfasste Mail (gefühlt die 30. seit “Bestätigen” der Online-Bestellung), in der noch einmal geschildert wurde, wie die d?!-Mitarbeiter ihren Job – ein eher kleineres und leichteres Paket so zu transportieren, dass es beim Empfänger unversehrt ankommt – komplett verbockt hatten.

Am 15.01.
Morgendlicher Anruf vom Sachbearbeiter des Bürobedarf-Discounters. Es gäbe “sicher Möglichkeiten, den Schaden wieder gut zu machen!” So könne man mir etwa beim Preis entgegen kommen.

Ein Ansinnen, das ich freundlich dankend ablehnte, da der Rabatt an der Demolierung ja leider nichts geändert hätte. Außerdem wäre ich bei jedem Blick zum Container, der in Wirklichkeit übrigens bei weitem nicht so stabil und wertig aussah wie im Katalog bzw. auf der Website des Büroartikelversenders, daran erinnert worden, was für eine grauenhafte Performance d?! seinerzeit ablieferte.

Kurz vor Feierabend erhielt ich dann eine Mail vom office-discounter, in dem mir – ohne sich vorab terminlich mit mir abzustimmen – beinahe schon brüsk mitgeteilt wurde, dass meine Retoure am nächsten Tag (16.01.) oder am übernächsten (17.01.) im Zeitraum zwischen 8 und 18 Uhr abgeholt würde.

Dazu sei – Oh verFLEXt ! – ein anderes TRANSportunternehmen beauftragt worden, wobei in meinem Fall die Möglichkeit der Paketverfolgung nicht gegeben war.

Also stand ich am nächsten Tag um 8 Uhr bereit und traute mich unendliche 10 Stunden lang kaum auf´s Klo, da der Fahrer ja jederzeit bei mir klingeln konnte.

Die Stunden an diesem 16.01. vergingen quälend langsam. Doch die Spedition agierte alles andere als flix.

Der erste Tag verstrich, wobei ich mir zunehmend so eingesperrt wie in einem Gefängnis vorkam.

Und auch der zweite Tag war zu guten Teilen bereits vorüber, als ich mir ein (schweres) Herz fasste und noch einmal beim office discounter nachfragte, ob mit dem Eintreffen des Retourenabholers am 17.01. noch gerechnet werden könne, zumal ich um 16 Uhr aufbrechen musste, um an einem wichtigen beruflichen Meeting teilzunehmen, das bereits seit längerem im Kalender stand (wie gesagt, die Retoure wurde mit mir terminlich nicht abgesprochen, sondern mir einfach auferlegt).

Der freundliche, aber zumindestens in der Hinsicht, wo “mein Fahrer” aktuell steckte, ahnungslose Mitarbeiter bat um Geduld, denn (um 15.30 Uhr) sei “der Tag ja noch nicht vorüber!”

Frustriert machte ich mir einen Kaffee.

Und schaute –eher zufällig – aus dem Fenster, als ich auf der Straße vor dem Haus den TRANS-pOrter erblickte, aus dessen Führerhaus ein Hipster in Jogginghose stieg, der sich offenbar orientierungslos umschaute und deswegen im Begriff war, unverrichter Dinge gleich wieder weiterzufahren.

Sofort packte ich das Paket und rannte so schnell ich konnte – noch in den Puschen – die vier Stockwerke unseres Hauses hinunter – keuchend auf den Mini-LKW zu, dabei dem Hipster mehrfach laut “Halt!” zurufend.

Entsetzt bemerkte ich beim Blick in den Außenspiegel,wie der Fahrer versuchte mich zu ignorieren…

… mich eiskalt stehen zu lassen und gleich loszubrausen.

Zum Glück öffnete der Paketdienstleister gnädigerweise doch noch die Fahrertür.

Völlig außer Atem eröffente ich ihm mein Begehr.

Worauf der Zusteller – sichtlich genervt – begann auf dem Beifahrersitz in einem wirren Stapel Papiere zu kramen, um nach einiger Sucherei schließlich aus dem Durcheinander an Formularen ein A4-Blatt zu ziehen, welches er mir derart forsch vor Augen hielt, als sei er ein Schiedsrichter und ich ein Foulspieler, der gerade eine “Rote Karte” bekommt.

Während ich mich anstrengte, das Formular zu entziffern (leider hatte ich vor lauter Panik vergessen, meine Lesebrille aufzusetzen), versuchte der Bärtige mir in radebrechendem Deutsch zu suggerieren, er bzw. TRANS – oh shit! – wäre am 15. schon einmal bei mir gewesen, um das Paket abzuholen. Und ich Böser, Böser, Böser sei an diesem Tag schändlicherweise nicht da gewesen.

Mein Gott, in dem Augenblick wurde mir klar, dass der Gute sein “eigenes” Formular nicht verstand (und auch sonst wohl leider nicht viel).

Am 15.01. war – nach dem Desaster des Vortages – spätnachmittags seitens des Büro-Discounters ja erst der Auftrag an das Hipster-TRANSportunternehmen vergeben worden, wobei er bekanntlich darin bestand, die versehrte Ware bei mir am 16. oder 17.01 zwischen 8 und 18 Uhr abzuholen.

Dumm nur, dass der Hipster den Auftragstermin mit dem Abholtermin verwechselte. Genau das versuchte dem Bärtigen wiederholt darzulegen, bis er schließlich einen Kugelschreiber zückte, den Zettel mit einem arztähnlichen Kringel unterschrieb und ihn mir aushändigte, wobei er mir durch seine Mimik und Körpersprache zu verstehen gab, dass er mich für ein riesengroßes Arschloch hielt.

Schließlich packte er “mein Paket”, knallte es mit der üblichen Parcel-Sorgfalt unsanft auf den Gehsteig, um mit beiden Händen die rückwärtigen Türen des TRANSporters öffen zu können, griff sich abermals den Karton und “donnerte” ihn mit Schmackes auf die ansonsten leere Ladefläche.

Sogleich schmetterte er die Rücktüren zu, eilte – ohne Abschiedsgruß –  ins Fahrerhaus, startete den Motor und spurtete dermaßen rasant von dannen, als wäre er gerade dem Leibhaftigen begegnet.

War´s das?

Fast!

Am 21.01. kam ich spätabends aus der Agentur nach Hause!

Schon beim Betreten des Büros sah ich den Anrufbeantworter blinken.

Sofort hörte ich die Nachricht ab, die nachmittags (der schlaue “AB” hält minutengenau die Zeit jedes Calls fest und nennt sie vor der Wiedergabe der Message) während meiner Abwesenheit aufgesprochen worden war.

Sie stammte von Frau MOORER, die mir mitteilte, dass der d?!-Fahrer gerade bei ihr gewesen sei, um die Retoure abzuholen! Sie hätte, weil sie mich nicht erreichte, zur Klärung des Sachverhalts bei d?! abgerufen und dem Frachtleiter auseinandergesetzt, dass offensichtlich ein Missverständnis vorliege bzw. dass sie das Paket schon lange nicht mehr bei sich in der Firma hatte.

Wahnsinn!

Wieso sollte ich auf die völlig abwegige Idee gekommen sein, die Retoure über Frau MOORER abzuwickeln?!

Und wieso war d?! vom office-discounter nicht unterrichtet worden, dass die Retoure längst von einen ähnlich fähigen (ha-ha!) Logistiker abgewickelt worden war?

Da entfuhr mir ein lauter Fluch: “What the fuck, was für ein unendlicher Irrsinn!”

Tatsächlich war die traurige Geschichte immer noch ausgestanden.

Am 23.01, als ich das Trauerspiel einigermaßen “verdaut” hatte, kam von d?! doch noch die, beim Anruf der Hotline in Aussicht gestellte Mail.

Ihr Inhalt im Wortlaut:

BETREFF: Fahrerbefragung AMIGOS (alle Namen geändert, E.W.).

Sehr geehrter Herr W.,

wir bedauern, dass es bei dem Paket zu Unregelmäßigkeiten gekommen ist.

Wir haben den Zusteller zum Verbleib Ihrer Sendung befragt. Dieser sagte uns, dass er das Paket beim Nachbarn MOORER in der Muster-Strasse 123*** abgeben hat.

Ist die Sendung zwischenzeitlich bei Ihnen eingetroffen?

Sollte das Paket weiterhin nicht eingetroffen sein, möchten wir Sie bitten, den Versender zu kontaktieren. Dieser wird weitere Maßnahmen einleiten.

Für die Ihnen entstandenen Unannehmlichkeiten möchten wir uns entschuldigen.

mit freundlichen Grüßen

d?!

*** Ja warum wurde mir diese genaue Adressangabe nicht bereits am 14.01. mitgeteilt?  Weswegen es, wenn Frau MOORER sich nicht gemeldet hätte, tatsächlich fast zwei Wochen gedauert hätte,  bis ich erstmals erfahren hätte, wo “mein” Paket steckte; E.W.).

Zeit für ein ernüchterndes Fazit:

  • Leider habe ich nach all dem Verdruss immer noch kein schickes, kleines Rollcontainerchen für meine Büro- und Kunst-Utensilien. Ich trau mich auch nicht, ein ähnliches anderswo zu ordern. Zu groß ist die Befürchtung abermals ein ähnliches Fiasko zu erleben (wobei die Reaktionen von Kollegen und Freunden (m / w / d) ergaben, dass beinahe jeder schon einmal dergleichen niederschmetternde Erfahrungen mit der Logistikbranche gemacht hat, wobei sich manche “Fälle” teilweise noch gravierender anhörten als meiner.
  • Bedauerlicherweise verdiente der Office-Discounter an mir kein Geld, sondern blieb auf einem Verlust sitzen, da das d?!versehrte Möbel wohl auch nicht anderweilig abgesetzt werden kann, um den Schaden wenigstens etwas abzufedern. 
  • Das Rollcontainerchen wurde zuerst aus der Nähe von Karlsruhe nach Neufahrn bei Freising transportiert, dann von Neufahrn nach München und wieder zurück nach Neufahrn, weil der Fahrer sich nicht die Mühe machte, zu mir zu kommen. Beim zweiten Versuch ging’s abermals gen Minga, wieder nicht direkt zu mir, sondern zu Frau MOORER.
    Als ich die Ware endlich in Händen hielt, war sie vom vielen unsanften Hin- und Herkutschiereren sprichwörtlich – auf der Strecke geblieben.
    Die Konsequenz: eine Retoure, in deren Verlauf die “Malware” von München über Neufahrn wieder zurück in die Nähe von Karlsruhe befördert wurde.
    Unter Umweltgesichtspunkten summa summarum der Super-Gau. Hoffentlich erfährt Greta nie etwas von der verheerenden CO2-Bilanz des stümperhaft abgewickelten Bestellvorgangs, sonst zettelt sie umgehend einen STREIKET gegen d?! an. 
  • Dem ich mich sofort anschließen würde, um ein Zeichen zu setzen gegen die grassierende AMAZONITIS, die Jeff Bezos zum reichsten Mann der Welt gemacht hat.
    Auf Kosten
    – der Umwelt.
    – von Logistikmitarbeitern, die ihrer Niedrigl
    öhne wegen häufiig in prekären Verhältnissen leben müssen und aufgrund der rigiden Zeitvorgaben ihrer Companies gerade gezwungen sind, ihren stressigen Job schludrig statt sorgfältig auszuüben, um das täglich auferlegte Pensum überhaupt – mehr schlecht als recht – zu bewältigen.
    – des Staates und der Steuerzahler, welche mit ihren Abgaben die Straßen finanzieren, welche die Paketdienste nutzen und verstopfen, während die Hauptprofiteure der Infrastruktur hierzulande oft keinen Cent zugunsten des Gemeinwohls entrichten.
    – des stationären Handels in den Innenstädten, die zunehmend “veröden”, weil die lokalen Händler gegen die Dumpingmethoden und -preise der großen Versender nicht die geringste Chance haben.

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