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Liebe Besucherin,
lieber Besucher der Internet-Präsenz
unter www.noumenon.de!

Es begann so großartig mit uns beiden…

… dem Internet und mir!

Es begab sich im Jahr des Herren, anno 1995, dass sich der geschäftsführende Manager eines Münchner Pressegrossisten folgende Frage stellte:

„Wohin nur mit der ganzen Kohle?“

Für alle, die nicht genau wissen, was ein Pressegrossist macht, hier eine kurze Erläuterung seines Geschäftsfeldes:

Die wichtigste Aufgabe eines Pressegrossisten besteht darin, im Auftrag der großen Verlage bis zum frühen Morgen genau jene Zeitungen, Zeitschriften und sonstige Presseartikel in exakt der Menge anzuliefern, die Kioske, Läden oder Buchhandlungen vorab bestellt haben.

Werden diese Presse-Erzeugnisse nicht zur Gänze verkauft, so nehmen die Grossisten die übrig gebliebenen Exemplare im Dienste der Verlage wieder zurück, wobei sie die „tatsächlich verkaufte Auflage“ festhalten.***

Dieser reale Absatz an Print-Titeln ist für die Verlage extrem wichtig, denn nach der „tatsächlich verkauften Auflage“ wird die Höhe der Anzeigenpreise festgelegt – sprich, je besser sich eine Publikation verkauft, desto höher ist der Preis, den Unternehmen für Werbeanzeigen ebendort zu bezahlen haben.

Nun wird der kritische Geist sich und mich fragen, wo ist bei diesem Geschäftsmodell denn jene für die Pressegrossisten anfangs des Textes angedeutete „Lizenz zum Gelddrucken“?

Sie besteht darin, dass sich Grossisten ganz Deutschland untereinander aufgeteilt haben. In ihrer jeweiligen Region (aktuell sind das 57 sogenannte Grosso-Gebiete) sind sie folglich allein verantwortlich und zuständig.

Halt!

Bevor sie jetzt „Was sind denn das für Mafia-Methoden?!“ schrei(b)en, sei kurz daran erinnert, wie das Business vor Einführung der Presse-Grossos ablief: da mussten „Tante Emma“ und „der Kiosk an der Ecke“ alle Presseerzeugnisse bei den Verlagen erst einmal einkaufen, bevor sie diese verkaufen konnten.

Das heißt, sie trugen das alleinige wirtschaftliche Risiko, auf Bergen von Papier und allen Kosten sitzen zu bleiben, obwohl sie selbst keinerlei Einfluss auf die Themen der Print-Titel hatten.

Was Wunder, wenn viele Einzelhändler gleich die Finger ließen von der mitunter anrüchigen und rasch verderblichen Ware („Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern!“)

Diese Zurückhaltung wirkte sich nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht nachteilig für Verleger wie Axel Springer, Gerd Bucerius und Rudolf Augstein aus, denen zunehmend die Dealer für ihren Lese-Stoff abgingen.

Auch für die Demokratie war es eine ungute Entwicklung; schließlich dienen die Presse / die Medien – in ihrer Freiheit und Funktion gleich durch mehrere Artikel des Grundgesetzes geschützt – als „Vierte Gewalt“, welche den Mächtigen in Wirtschaft und Politik kritisch auf die Finger schauen soll.

Zur Lösung der angedeuteten Probleme wurden ab Anfang der 1970er Jahre zwischen Tante Emma und die Pressehäuser Grossisten als Logistiker geschaltet, entsprechend privilegiert (Gebietsschutz) und bestens entlohnt – nicht zuletzt dafür, dass sie im Sinne der Meinungsvielfalt Otto Normalverbraucher Blättchen für jedes noch so spezielle Interesse lieferten.

Zudem im wachsenden Umfang auch dafür, dass sie dem Tantchen und Büdchen weitere Produkte heranschafften: „Wenn ihr ohnehin jeden Tag die Zeitungen liefert, könnt Ihr mir dann nicht auch noch Schreibwaren und Süßigkeiten mitbringen?“

Eines Tages stieß der besagte Manager, den ich als sehr sympathischen, agilen und großzügigen Macher kennenlernte, bei der morgendlichen Lektüre auf einen Artikel, dessen Inhalt ihm nicht mehr aus dem Kopf ging:

Auf der Suche nach dem Ursprung von allem – nach Erklärungen, wie der Big Bang einst ablief, welche Teilchen sich dabei wann und wie bildeten, aus denen später das Universum, das Sonnensystem, die Erde und das Leben auf unserem blauen Planeten hervorgingen – hatte das CERN „die Europäische Organisation für Kernforschung“, in der Nähe von Genf einen gigantischen kreisförmigen Teilchenbeschleuniger gebaut.

Bitte fragen Sie mich jetzt nicht, wie so ein Teilchen-Dingsbumms genau funktioniert.

Soweit ich es verstanden habe, werden in einem Teilbeschleuniger winzige Atombestandteile wie Elektronen auf annähernd Lichtgeschwindigkeit – nun ja – beschleunigt, die dann auf andere Atombestandteile treffen. Dabei kommt´s zu einem Riesen-Wumms, bei dem es die Teilchen in noch winzigere zerlegt – in „Quarks & Co.“ wie eine Wissenschaftssendung heißt.

Einer der Beschleuniger – der „Large Hadron Collider LHC“ – war mit einem Umfang von 26 659 Metern so riesig, dass er sich sowohl auf das Staatsgebiet der Schweiz als auch auf jenes Frankreichs erstreckte.

Der Informationsaustausch war entsprechend schwierig, zumal die Eidgenossen und die Gallier unterschiedliche Kommunikations- und Netzwerktechniken einsetzten.

Am CERN arbeitete Ende der 1980er Jahre ein junger britischer Informatiker und Physiker namens Timothy John Berners-Lee.

Um die am CERN vorherrschende Verwirrung babylonischen Ausmaßes zu beenden, schlug Berners-Lee eine übergreifende Lösung zur besseren Information und Kommunikation vor, die auf dem Prinzip des Hypertexts basiert.

Mittels Hyperlinks konnte man* von einem elektronisch generierten Text aus, der sich auf dem einen Computer befand – verbunden durch ein Datennetz –  zum Link bzw. Text auf einem ganz anderen Rechner „springen“.

Der Text musste nicht mehr ausgedruckt, um physisch – etwa als Brief per Post – transportiert werden, sondern war via (Telefon-) Leitung quasi in Echtzeit verfügbar.

Um solche Verbindungen unabhängig davon zu machen, mit welchem Betriebssystem resp. mit welcher Hard- bzw. Software gerade jemand arbeitete, kreierte Berners-Lee Anfang der 1990er Jahre die plattform-übergreifende „Sprache des Internets“: HTML.

Eigentlich ist HTML nichts anderes als ein Bausatz bzw. Satzbau aus Wortkürzeln: etwa „p“ für einen Text-Absatz (englisch: „paragraph“) oder „b“ (englisch: „bold“) für eine „fett“ hervorgehobene Textdarstellung.

Diese Kürzel werden in eckige Klammern gesetzt (beispielsweise < p >  oder < b > ), um festzulegen, wie und wo die einzelnen Elemente – etwa Überschriften, Bilder, Tabellen Hyperlink-Verbindungen – eines elektronisch erzeugten (Hyper-)Textes dargestellt werden sollen.

Dazu wurden die HTML-Tags von Berners-Lee so allgemeingültig konzipiert, dass sie plattformübergreifend von den unterschiedlichsten Rechnern und Programmen angewendet werden können.

Dieses Prinzip gilt auch für das ebenfalls von dem Briten entwickelte „Übertragungsprotokoll“ HTTP, das laut Wikipedia hauptsächlich dazu eingesetzt wird, um Webseiten (Hypertext-Dokumente) … in einen Webbrowser (etwa Safari“ „Chrome“, „Firefox“, E.W,) zu laden“ und darzustellen.

Damit der Webbrowser weiß, wo im Netzwerk – also auf welchem Server / Rechner – sich ein bestimmtes Hypertext-Dokument befindet, erfand Berners-Lee mit dem URL (Uniform Resource Locator) eine Art unverwechselbarer Hausnummer für jede Website im Cyberspace.

Weil Berners-Lee ein Genie war, programmierte er („Alles muss man selber machen!“) gleich auch noch den ersten Webbrowser, der all die vorab genannten Prinzipien anwandte:

Der Name dieses Browsers: World Wide Web.

Doch zurück zum anfangs erwähnten Grosso-Manager.

Er, der täglich und LKW-weise den Transport Dutzender Tonnen bedruckten Papiers in den Großraum München und Oberbayern organisierte, der daran verzweifelte, wenn seine Laster im Stau standen oder mit einem technischen Defekt am Straßenrand liegen blieben, der wusste, wie Wind und Wetter, Schnee und Eis das Geschäft erschwerten…

… er war fasziniert von der in den Neunzigern ziemlich utopisch klingenden Idee, in Zukunft irgendwann einmal Medien und ihre Inhalte via World Wide Web im Datenstrom, der kein Gewicht und keinen Stau kennt, direkt und in „Real Time“ an die Leser und Rezipienten liefern zu können…

Also beauftragte er 1995 die Werbeagentur, bei der ich damals konzipierte und textete, ein Konzept und eine Kampagne für das „Internet für alle!“ zu entwickeln.

Zu jener Zeit hatten die allerwenigsten Haushalte einen Computer zu Hause, Handys gab es nur zum Telefonieren und…

wobei?!

… mit dem SIEMENS (Ja, genau! Die Firma war mal innovativ!) S3 kam in diesem Jahr das erste Mobiltelefon auf den Markt, mit dem man Kurznachrichten (SMS) senden und empfangen konnte.

Und einen Internetanschluss?!

Über den verfügten anno dunnemals allenfalls Universitäten bzw. Firmen und Einrichtungen, die zum „Militärisch-Industriellen Komplex“ gehörten.

Entsprechend öde waren die meisten Inhalte des Internets.

Der verfügbare Content bestand überwiegend aus unformatierten Texten, einfachen Diagrammen oder allergröbsten Pixelbildern.

Komplexeren „stuff“ vermochten die 56K-Modems (mit einer maximalen Geschwind-, pardon: Langsamkeit von theoretisch 56 kilobits pro Sekunde) ja gar nicht aus dem analogen, ollen Kupferkabelnetz des damaligen Staatsmonopolisten „Deutsche Bundespost“ zu saugen.

An Multimedia war bei solchen Modems nicht zu denken: man* konnte damit entweder telefonieren oder im Internet stöbern. Beides gleichzeitig: unmöglich.

Dennoch interessierte das wörldweidweb immer mehr Leute.

So stieß die Marketing-Kampagne, die maßgeblich meine Wenigkeit für das neue Geschäftsfeld des Grossisten entwickelte (zum einen, weil mich das Thema faszinierte, zum anderen, weil mein „Creative Director“ tierisch faul und einer der ideenlosesten Typen war, die ich je in der Werbebranche kennenlernte), bei den herkömmlichen Medien auf ein großes Echo.

Die Süddeutsche, die FAZ, die Wirtschaftswoche, der Bayerische Rundfunk nahmen die von mir vorab formulierten Pressemitteilungen ebenso wohlwollend auf, wie sie diese inhaltlich 1:1 übernahmen.

Kein Wunder, dass am Tag der Eröffnung die Massen den (eher funktional-konventionellen) Gebäude-Trakt auf dem Werksgelände stürmten, den der Grossist als „Multimedia-Kaufhaus der Zukunft“ ausgab und entsprechend mit futuristisch anmutenden Cosplay-Doubles aus Star Wars, Enterprise & Co. bevölkerte.

Im Nachhinein läßt sich die Begeisterung nicht mehr nachvollziehen. Auch nicht, warum die Leute ewig anstanden, um gegen Kohle – auf einer Cash-Card, also einem Zahlungsmittel, das 1995 noch avantgardistisch anmutete – wenige Minuten lang an einem mausgrau öden Büro-Computer „sörfen“ zu können.

Viel zu kurz, um jene schlüpfrige Überraschung des seinerzeitigen Tennis-Idols und Werbeträgers Boris Becker teilen zu können: „Ich bin ja schon drin!“

Nein, nicht in „Babs“, sondern im internet!

Das Statement von „Bobele“ für einen Werbespot von AOL / American Online (kennt heut fast keine/r mehr) ging ja noch weiter mit: „Das ist ja einfach!“


Dachte ich kurze Zeit später auch, als ich mich Ende 1995 zum ersten Mal bei T-Online anmelden wollte, um mir einen privaten Internetanschluss zuzulegen.

T-Online, das war der – im wahrsten Sinne des Wortes „graue“ – Fernmelde-Zweig der vormals Deutschen Bundespost.

Die staatseigene Post („hoch auf dem gelben Wagen“) witterte Mitte der 1990er ebenso wie andere, teilweise branchenfremde Unternehmen – namentlich die VIAG (kennt heut fast keine/r mehr) oder Mannesmann (kennt heut fast keine/r mehr) – dass das Internet für den Endverbraucher the „Next Big Thing“ darstellte, um mit den Worten des späteren „iGod“ Steve Jobs zu sprechen.

Vermutlich war ich zu blöd..,

oder die Staatsbeamten der „heißen Linie“ von T-online geistig längst im Ruhestand…

… jedenfalls dauerte es bei mir anno 1995 einen ganzen grauen Novembertag lang, bis ich „drin“ war.

Und seither war ich nicht mehr offline.

Zum Schluss dieses Postings möchte ich noch einmal auf den Grossisten-Manager zu sprechen kommen.

Die Idee vom „Internet für alle“, die sein Medienhaus aufsuchten, um gegen Cash zu surfen, währte nur kurz.

Nicht nur ich legte mir bald einen privaten Internetanschluss zu.

Ab Mitte der 90er dauerte es nur wenige Jahre, bis eine solche Verbindung ebenso selbstverständlich zum Durchschnittshaushalt gehörte wie einstmals der Volksempfänger oder die Glotze.

Gleichzeitig mit dem Siegeszug des Webs endete ab Mitte der 1990er die Blütezeit der Printmedien.

DER SPIEGEL verkaufte ehedem jede Woche easy über eine Million Hefte (2020 dagegen nur noch etwa 600.000 Exemplare).

Die BILD brachte in jenen Tagen ca. 4,5 Millionen Käs’-Blätter unter das gemeine Volk (2020 dagegen nur noch schlappe 1,2 Mio.)

Und selbst Wichs-Vorlagen wie „Praline“, “Playboy“ oder „Penthouse“ kaufte man (besser: mann) – „natürlich nur der redaktionellen Beiträge wegen“ – oft und gern.

In jener Aera gab mehrere tausend Special-Interest-Zeitschriften – oft auf Hochglanz-Papier gedruckt und jeweils in erstaunlich hohen Auflagen.

Auch gehörte es noch zu den gutbürgerlichen Gepflogenheiten, sich morgens am Frühstückstisch hinter der (gedruckten) Tageszeitung zu verschanzen, um ja keine angestrengte Konversation mit dem Rest der nervigen Sippe betreiben zu müssen.

Ob regionale Heimatzeitung oder überregionales Intelligenz-Blatt, auch Zeitungen erreichten in den 90ern Rekordauflagen.

So innovativ die Idee des Grosso-Managers auch war, letzlich sägte er damit (vermutlich ohne es zu ahnen) am Ast, auf dem er saß.

Bald schon wechselten die Werbegelder in großem Umfang von den gedruckten Medien zu digitalen Plattformen.

Quasi aus dem Nichts tauchten globale Player auf, die selbst keine Inhalte er- und bereitstellten, aber davon profitierten, dass die User die klassischen Medien zitierten und verlinkten (und sei es bloß, um diese als „Lügenpresse“ zu diffamieren).

Globale Player, die im Gegensatz zu den klassischen Medienhäusern zumeist keine Familienunternehmen waren und hierzulande oft keinen Pfennig / Cent Steuern zahl(t)en.

Auch an dieser Tatsache kann der geneigte Leser erkennen, dass mit dem bzw. durch das Internet im letzten Vierteljahrhundert so einiges schief gelaufen ist.

Genau davon kann ich ein Lied singen!

Mehr dazu in den weiteren Folgen dieser Artikel-Serie, mit der ich mich endgültig aus dem „Cyberspace“ (noch so ein Schlagwort aus Mitte der Neun’zger“) verabschieden werde.

*** Bis auf vorab von den Verlagen festgelegte Kontingente. welche die Grossisten wieder zurück an die Presshäuser lieferten – etwa damit Kunden bestimmte Ausgaben nachbestellen konnten –wurde das meiste unverkaufte Zeugs von den Grossisten in die Altpapier-Presse gegeben, um recycelt zu werden (damit Sie eine Idee von den Mengen bekommen: täglich verließen zu diesem Zweck mehrere riesige LKWs samt Anhänger das Gelände des Grossisten).

Fortsetzung folgt.