Halbwegs zügig (Fortsetzung)

© Graphik: Ewald Wildtraut M.A. Kunst | Konzepte. 2019
© Graphik: Ewald Wildtraut M.A. Kunst | Konzepte. 2019

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Außerdem könnten die Fahrgäste mit Ziel Hamburg – da die Zugbindung aufgehoben sei – von der Franken-Metropole aus mit einem anderen ICE über (sic!) Berlin nach ha-ha-ha! Hamburg fahren (ob der Ausweich-ICE jedoch nicht genau so überfüllt war, dass mochte vom fahrenden Personal expressis verbis niemand auszuschließen).

Als eine Schaffnerin darauf angesprochen wurde, was mit jenen Leuten wäre, die nicht bis zum Endhalt in der Hansestadt mussten / wollten, sondern beispielsweise nur bis Kassel, wurde schlagartig klar, dass das DB-Rotkäppchen und ihre Kollegen an diese Klientel / Fälle bis dahin noch gar nicht gedacht hatte/n.

Die Zugbegleiterin, welche dem Autor leid tat, weil sie für die Misere ja persönlich nichts konnte, versprach eine Lösung zu finden.

Doch stattdessen wurde wenige Minuten später, kurz vor Nürnberg die Methode „Peitsche“ angewandt. Sprich: die Menschen, die ursprünglich im fehlenden Zugteil reserviert hatten, wurden via Lautsprecherdurchsage ultimativ aufgefordert in Nürnberg auszusteigen, ansonsten würde der Zug aus „Sicherheitsgründen“ seine Fahrt dort nicht fortsetzen.

Als der Schreiber dieser Zeile einen Fahrkartenkontrolleur darauf hinwies, dass die Fahrgäste aus der offenkundig im Bermuda-Bahn-Dreieck verschollenen Phantom-Hälfte durch diese Massnahme quasi ein zweites Mal – gelinde gesagt – benachteiligt würden (zumal die Reservierung ja auch nicht umsonst war), erwiderte er: „Ich kann nichts dafür, dass die Bahn zu wenig Garnituren hat!“

„Aber die Passagiere!“, führte so mancher Insasse in diesem Moment den Gedanken des Uniformierten weiter : „warum müssen die auch so sinnlos durch die Gegend fahren. Schließlich wusste schon Blaise Pascal: Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, daß sie nicht ruhig in einem Zimmer (sprich: zu Hause, E.W.) zu bleiben vermögen.“

Da zumindest 2 Mitglieder aus der Familie zwei Sitzplätze inne hatten, die zwischen Nürnberg und Kassel nicht reserviert waren, beschloss die Familie, die bei Einfahrt des ICEs in den Hbf der ehemaligen “Stadt der Reichsparteitage” schon im Gang stand, um in dumm germanischem Untertanen-Geist „den Aufforderungen des Bahnpersonals Folge zu leisten“ und auszusteigen, spontan die beiden “sicheren” Sitzplätze wieder einzunehmen und sich fortan abzuwechseln (sprich: 2 Mitglieder der Sippe sollten solange im überfüllten Vorraum stehen).

Dieser Beschluss wurde von der steuer- (ja, die Bahn ist immer noch weitgehend ein Staatsunternehmen) und ticketfinanzierten Bord-Mannschaft jedoch nicht gern gesehen. Dem gleichen Team übrigens, das bis zu diesem Zeitpunkt immer noch keine Lösung für die Leute angeboten hatte, die nicht (über Berlin) bis Hamburg fahren wollten.

Und das nämliche Personal, das – nach dem Einsatz von Zuckerbrot und Peitsche – in Nürnberg einfach abtauchte, nach dem es zuvor bei jeder Durchsage suggerierte hatte, das Hauptproblem bestünde nicht in der von vornherein fehlenden Zughälfte, sondern vielmehr darin , dass den Insassen jegliches Verständnis für die Situation fehle.

So begann die Nervenprobe: Minute um Minute verstrich… der Zug stand im Hauptbahnhof der Dürer-Stadt einfach nur rum.

Lange Minuten, während derer zusehends klar wurde, dass der Anschlusszug Richtung Ruhrpott in Kassel, so denn man überhaupt jemals dort hinkäme, trotz vorab großzügig eingeplanter Umsteigezeit (schließlich weiß man ja aus eigener, zumeist bitterer Erfahrung nie, wozu die schienengebundene Firma mit den zwei Großbuchstaben noch imstande ist), ohne besagte Familie abfahren würde.

Irgendwann nach vielen langen Minuten, während derer trotz Hochsommerwetter mutmaßlich die Klimaanlage heruntergefahren wurde, setzte sich der Zug doch noch in Bewegung.

Soo  kam der Zug drastisch verspätet doch noch in Kassel an.

Und siehe da – welch ein Wunder – was stand da im Bahnhof Wilhelmshöhe,  sogar “am gleichen Bahnsteig gegenüber”?

Der Anschlusszug Richtung Ruhrgebiet…

… weil auch dieser eine mächtige Verspätung eingefahren hatte.

Wie es dazu kam?

Das wäre eine andere wahre Geschichte.

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