Mental Maps – Zwischenkapitel zur cRise-Serie

© Graphik: Ewald Wildtraut M.A. Kunst | Konzepte. 2020

    © Graphik: Ewald Wildtraut M.A. Kunst | Konzepte. 2020

 

Die ganze Warterei der letzten Tage – vergebens!

Leider gibt die Nachrichtenlage momentan keinen aktuellen „Aufhänger“ her, auf den der nächste Beitrag der cRise Serie *** hätte zugespitzt werden können.

Deshalb wird das folgende Posting – ausnahmsweise – „persönlicher“ als die bisherigen ausfallen.

Wobei auch im vorliegenden Text – eher indirekt – Karten vorkommen werden – als mental maps.

Die nächste cRise-Folge erscheint spätestens dann, wenn ein orange geschuppter Reptiloid gewaltsam die Weltherrschaft übernimmt und die Menschheit dazu zwingt, lebenslänglich Masken mit dem irren Joker-Konterfei von Ken Jebsen zu tragen!

*** Im 3. Posting sollte es darum gehen, dass viele Entdecker und die Gründerväter der Naturwissenschaften Kartografen waren bzw. als solche fungierten. Oder war es umgekehrt?

Nicht nur der „Inschiniör hat es schwör“ gehabt.

Seinerzeit, Mitte / Ende der 1980er.

Auch Sozialwissenschaftlern – wie dem Verfasser dieser Zeilen – fiel es oft nicht leicht, die mitunter üppigen Mahlzeiten zu verdauen, welche das Studentenwerk dem universitären Nachwuchs in der Mensa hinter dem „Schweinchenbau“ vorsetzte.

Auch wenn der Volksmund aus gutem Grund behauptet „Ein voller Bauch studiert nicht gern“.

Wo, wenn nicht hier im akademischen Mast-,  pardon: Gastbetrieb an der Giselasstraße konnte der Hochschüler (m / w) für kleines Geld –  egal, ob dieses aus Papas Spendier-Höschen oder vom BaföG-Amt stammte –  unbefangen seiner Fleischeslust frönen und sich ohne Ende „Sättigungsbeilagen“ einverleiben.

Ein in jenen fernen Tagen übl(ich)es Sprichwort besagte: „Nach dem Essen sollst du rauchen oder eine Frau gebrauchen!“

Nun war letzteres Gebot– insbesondere aus moralischen Erwägungen – i.d.R. nicht so leicht umzusetzen.

Als Ersatzbefriedung zog ich mir seinerzeit gierig ein paar „Sargnägel“ in die Bronchien, während ich ziellos durch Schwabing tappte.

Das Schöne: durch den Spaziergang waren rasch wieder ein paar Kalorien verbrannt. Darüber hinaus gelang es dadurch, spielend die oft stundenlange Zeit bis zur nächsten Vorlesung zu überbrücken.

Irgendwann wurden mir die mittäglichen Verdauungstouren zu einem festen Ritual.

Ursprünglich stammte ja ich aus der tiefsten oberschwäbischen Provinz.

München war mir bis zu meiner Übersiedlung im Herbst 1986 weitgehend unvertraut. Von Klassen- und wenigen Einkaufsfahrten her kannte ich eigentlich nur den Marienplatz samt Fußgängerzone, das Deutsche Museum, die Ludwig- und Leopoldstraße und – natürlich! – das damalige IBM-Headquarter am Sederanger.

Alles, was abseits davon lag, war für mich „Terra Incognita“.

Und durch diese latschte ich nun täglich – bei Wind und Wetter –  zu jener Zeit, wenn meine Kommilitonen (w / m) gemütlich in einem Café „Siesta“ machten oder sich im Sommer zu den Nackerten im Englischen Garten gesellten.

Wäre mir jemand auf meinen Rundgängen gefolgt, hätte der aufmerksame Beobachter schnell herausgefunden, was für einen Schmarrn ich daher lief.

Ohne erkennbaren Grund wechselte ich ständig die Richtung. Was mich dazu bewog, blieb mir selbst ebenso rätselhaft, wie der Umstand, warum ich abrupt mal in diese oder jene Straße einbog.

Manchmal glaubte ich mich in bereits bekannten Gefilden zu befinden. Tatsächlich hatte ich mich aber hoffnungslos verlaufen.

Stand ratlos an einer Ecke, wo ich nie zuvor gewesen war. Und wusste nicht mehr weiter.

Meist ergriff mich spätestens dann die Panik, es nicht mehr rechtzeitig zur nächsten Vorlesung zu schaffen.

Also fragte ich Passanten oder Ladenbesitzer, wo sich in der Nähe denn eine U-Bahnstation befände, um rasch wieder in Uni-Nähe zu gelangen.

Noch häufiger als die Verirrungen des zugezogenen Tors waren jene Situationen, in denen er der festen Überzeugung war, sich in einer neuen,  bis dato unbekannten Gegend  zu befinden. In Wirklichkeit war er – nur wenige Minuten zuvor – dort schon einmal gewesen – allerdings aus der anderen Richtung kommend.

Mit der Zeit jedoch häuften sich bei den mittäglichen Expeditionen ins unbekannte Schwabing und Kern-Minga, die Aha-Erlebnisse:

  • „Aha, an diesem Platz steht doch das großartige Jugendstil-Haus mit den goldenen Stuck-Pfauen an der Fassade!“
  • „Aha, die Lore vor der Verwaltung der „Bundesknappschaft“.
    – Komischer Name! Knappschaft, hat wohl etwas mit Bergbau zu tun. Aber gibt´s in und um München überhaupt Erz- oder Kohleförderung?!“
  • Aha, die stolze Stadtvilla, von der mir einst jemand erzählte, hier hätte „der letzte Krupp“ wilde (Sex-)Orgien gefeiert (oder war’s im Priesterseminar nebenan?)

Dieses Anwesen liegt in der Georgenstraße, was sich der Autor irgendwann einmal merkte. Denn so ausgeprägt sein visuelles Gedächtnis war (und wohl immer noch ist), so lausig blieb lebenslang seine Merkfähigkeit für Namen. Was aber nicht weiter tragisch ist, denn Namen sind bekanntlich eh` nur „Schall und Rauch“ (J.W. von Goethe).

Langsam erkannte ich die räumlichen Zusammenhänge. Bald war mir klar, wenn ich da vorne nach rechts abbiege, komme ich in die Straße mit dem Punk-Friseur. Oder in der dritten Gasse auf der linken Seite befindet sich die  U-Bahn-Station mit den schmutzig beigen Seitenwänden und den Säulen in der Mitte, welche mit lauter nur münzgroßen, runden gelben Kacheln verkleidet worden waren.

Kein Ahnung, wie die Haltestelle heißt!

Manchmal schaute ich nach dem Uni-Feierabend zu Hause auf dem Stadtplan nach, ob meine Vorstellungen vom Stadtraum, – ergo: mental maps –  auch den tatsächlichen geografischen bzw. topografischen Gegebenheiten entsprachen.

Ein faszinierender Aspekt von Mental Maps umfasst die Fähigkeit, sich Gegenden, die man in realiter nur zu Fuss auf der Erdoberfläche ergründet hat, plötzlich im Geiste aus der Vogelperspektive vorstellen zu können, so als hätte man diese Areale ursprünglich von einem Hubschrauber aus erkundet.

Nur in der Geschwindigkeit eines Gehers erschließen sich diese kognitiven Strukturen örtlicher Gegebenheiten in perfekter Manier.

Wer dagegen auf zwei oder vier Rädern durch Stadt und Land hetzt, dem entgehen diese Erkenntnisse. Der bleibt geografisch ein Analphabet und bis ans Ende seiner Tage auf die Hilfe seiner virtuellen Fahrassistentin angewiesen.   

Weil ich die oben beschriebenen Aha-Erlebnisse so lieb(t)e, wäre ich, außer es stand ein wichtiger Termin an, nie auf die Idee gekommen, mit dem Falk-Plan (GPS gab es seinerzeit ja genausowenig wie Smartphones) durch die Gegend zu laufen.

Denn nur geleitet durch Zufälle (und das zeichnet den wahren Flaneur aus) erlebte ich auf meinen mittäglichen Streifzügen unzählige Episoden:

Spontan fällt mir ein, wie ich einmal beobachtete, dass ein auffallend kleiner und hagerer Greis, dessen Oberkörper eigenwillig weit nach vorn gebeugt und in sich verdreht war, gerade im Begriff war, die Karl-Theodor-Straße (Ecke Leopoldstraße) zu überqueren.

Obwohl er sich offensichtlich alle Mühe gab, so schnell voran zu kommen, wie es ihm möglich war, schaffte er in der Phase, während die Fussgängerampel ihm “Grün” zeigte, allenfalls drei Meter.

Also blieb der Gute mitten auf der Straße stehen. Sofort hupten die Autos aggressiv. So dass dem alten Mann der Schweiß noch heftiger von der Stirn tropfte.

Nach mehreren Ampelphasen hatte der Hochbetagte die Gegenfahrbahn, wo ein gigantischer Kies-Kipper auf die Weiterfahrt wartete, fast schon passiert, als sich der Fahrer aus dem Fenster beugte und dem Fußlahmen hinterher rief: „Opa, darenn’ Di ned!“ (für alle des Bayerischen nicht mächtigen, die Übersetzung: „Opa, renn` Dich nicht zu Tode!“).

An einem anderen Tag fragte mich ein verhärmt ausehendes und angespannt dreinblickendes Ehepaar (komplett in klassisches Kirchentags-Spießer-Beige gewandet): „Wo befindet sich denn hier (im Englischen Garten, E.W.) dieses Sündenpfuhl?“

Ich kapierte nicht sofort.

Also präzisierte der Mann: „Das  Sündenpfuhl der Nudisten!“, während er sich – leibhaftig – bekreuzigte.

Brav gab ich Auskunft und schaute den beiden hinter her, wie sie sich –  mit umgehängten Ferngläsern – dem Vorhof der Hölle näherten.

Oder ich betrachtete die „irgendwie britisch” anmutenden Semi-Detached Houses in der Kaiserstraße, als Bernd Eichinger lässig an mir vorbei schlappte und sagte: „Machen`s a Hirnfoto“. (Weiß bis heute nicht, ob das als Frage oder Aufforderung gemeint war).

Überhaupt diese Situationskomik und die Begegnungen, die sich während der Entdeckungstouren durch die Münchner Innenstadt ergaben!?

Besonders gern denke ich an die liebenswerte Familie bulgarischer Juden zurück, die in der Karlstraße (wo heutzutage der aalglatte internationale Management-Nachwuchs heran gezüchtet wird, welcher viele der Probleme erst noch verursachen wird, mit der die Gesellschaft dann in Zukunft zu kämpfen hat) einen Imbiss mit osteuropäischen Spezialitäten betrieb.

Jeden Freitag machte ich dort Halt und wurde jedesmal so herzlich empfangen, als wäre ich ein naher Verwandter. Der Wirt hatte in Wirklichkeit Volkswirtschaft studiert; ja sogar promoviert. Doch erkannte das  „Land der Täter“ seinen Abschluss an der Universität Sofia leider nicht an.

Also wagte er in Deutschland den Neuanfang als versierter Koch, der – täglich frisch – eine kleine, aber feine Auswahl unglaublich leckerer Speisen zubereitete.

Irgendwann, Ende der 1980er Jahre erzählte er mir traurig, dass das Gebäude, in dem sich sein Geschäft befand, abgerissen werden sollte.

Als ich nach längeren Semesterferien freudig wieder einmal bei ihm speisen wollte, stand in der Karlstraße ein riesiger Bagger, der sich, so brutal wie ein Raubtier die Eingeweide seiner Beute zerfetzt, mit der Schaufel durch die aufgerissene Fassade des Hauses wühlte.

Nie – und es blutet mir immer noch das Herz – habe ich erfahren, was aus der Familie geworden ist.

Eine andere Zufallsentdeckung war jener bayerische Friseur (der dann jahrzehntelang mein Stamm-Coiffeur wurde), der zusammen mit seiner Frau in der Schleißheimer Straße einen Salon betreibt.

Ihr Sohn, den ich noch als kleinen Hosenscheißer erlebt habe, wurde später in Wellington / Neuseeland einer der leitenden Computer-Animations-Spezialisten, der u.a. an James Camerons „Avatar“, Peter Jacksons „Hobbit-Trilogie“ und diversen Marvel-Abenteuern mitgestaltet hat.

Eine weitere langjährige Bekanntschaft, die ich beim „auf dem Asphalt botanisieren“, wie Walter Benjamin das ziellos, aber dennoch hoch aufmerksame Flanieren durch den urbanen Raum umschrieb, war die Chefin (und anfangs auch Köchin) einer unweit des Stiglmaierplatzes gelegenen Asia-Küche.

Diese ungemein quirlige und sympathische Frau gehörte den Hoa an –  der chinesischen Minderheit in Vietnam. Als der Süden des Landes den masslos mörderischen Krieg, den sich US-Amerika und der Vietcong lieferte, 1975 endgültig verloren hatte, setzten ihre Eltern – von Angst und Hoffnungslosigkeit getrieben –  die einzige, noch jugendliche Tochter in eine völlig überfüllte Dschunke.

Auf offner See erwartete das Mädchen, jämmerlich zu ertrinken. Als Angehörige der ehemaligen Saigoner Oberschicht und und gläubige Buddhistin fürchtete sie diesen grausamen Tod jedoch weniger als die Rache der “Roten” aus dem Norden Vietnams.

Wider Erwarten wurde das Mädchen aus Seenot gerettet und landete nach einer Odyssee, deren Einzelheiten ich leider nicht mehr parat habe, schließlich in München.

Als ich bei einem meiner Rundgänge in ihre kleine Küche stolperte, wusste ich noch nicht, dass ich einer der ersten Kunden ihrer Gastro-Bar war. Sie hatte das Geschäft erst am Morgen eröffnet, ohne groß dafür die Reklametrommel zu rühren (nicht einmal eine Banderole mit „Neueröffnung“ hing im Schaufenster).

Bei ein paar Frühlingsrollen und einem Teller köstlich garnierter, gebratener Nudeln mit fernöstlichem Gemüse kamen wir in einen Dialog – im wahrsten Sinne des Wortes – über Gott und die Welt.

Beim nächsten Besuch wusste sie noch ganz genau, worüber wir das letzte Mal geredet hatten und fand sofort einen Aufhänger, um den Gesprächsfaden wieder aufzunehmen.

Phänomenal – ihr Gedächtnis und unglaublich wach ihr Geist. Bis heute verlangt mir die Kraftanstrengung allergrößten Respekt ab, wie sie nach Ladenschluss in der Abendschule das Abitur machte und später sogar anfing, an der Fern-Uni Betriebswirtschaft zu studieren.

Irgendwann lud Sie mich ein – was ich als große Ehre empfand – zusammen mit ihrer buddhistischen Gemeinde im „Garten von Duft und Pracht“ – dem chinesischen Pavillon im Westpark – 春節 / 春节 / Chunjie, sprich: das Neujahrsfest zu feiern. Auch wenn es an diesem Februartag in dem kleinen Tempel unglaublich eisig war, wird mir diese fröhliche und zugleich tief religiöse Feier für immer unvergessen bleiben.

Warum erzähle ich das alles?

Seit dieses vermaledeite Virus in der Welt ist, wird mir die Leidenschaft für das Laufen schmerzlich getrübt.

Es macht einfach keinen Spaß, wenn einem jeder Fußgänger oder Radfahrer ( w / m / d) als potentieller Superspreader begegnet, der einem – en passant – den tödlichen Krankheitskeim entgegen schleudern könnte.

Was ist das Menschenbild, wenn man in seinem/r Nächsten ( w / m / d) statt eines Mitbürgers immer  zuerst einen Risikoträger vermuten kann / muss?!

Ja schlimmer noch: wenn von einem selbst die Gefahr ausgehen könnte?! Und das auch noch ohne es zu wissen, da diese Krönung eines niederträchtigen Virus’ ja von Menschen weiter verbreitet werden kann, die nicht daran erkranken oder allenfalls leichte, unspezifische Symptome aufweisen.

Aus diesen Gründen gehe ich viel seltener aus dem Haus als vor der C-rise. Und wenn, dann nur zu Zeiten, von denen ich vermute, dass die Straßen und Gehsteige menschenleer(er) als zu den Stoßzeiten sind.

Ergo ergeben sich weniger Gelegenheiten zu spontanen Gesprächen.

Auch sehe ich vertraute Gesichter (lange) nicht mehr.

Der Gedankenaustausch wird seltener.

Das soziale Leben verkümmert.

Das macht mich traurig

und  – nun ja –

wütend.

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