Soziopathen (Fortsetzung)

Graphik: Ewald Wildtraut M.A. Kunst | Konzepte. 2019
© Graphik: Ewald Wildtraut M.A. Kunst | Konzepte. 2019

 

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In besagtem Haus, das mit acht “Parteien” als eher klein und überschaubar gelten kann, bemerkte dennoch lange Zeit niemand Füsslis Einzug.

Sein Hab und Gut kam nicht – was den Nachbarn gewiss aufgefallen wäre – in einem großen Möbelwagen, sondern vermutlich in einem Koffer.

Wann genau, ist bis heute nicht bekannt.

Er bezog keine ganze Wohnung, deren monatelange aufwändige, lautstarke und schmutzreiche Renovierung die anderen Mitbewohner selbstverständlich mitbekommen hätten.

Vielmehr änderte sich eines Tages bloß ein Namensschild. Und dass auch nur teilweise. Statt des bisherigen Nachnamen “Keil”, stand plötzlich “Füssli” darauf.

Der Nachname der Frau, welcher sich auf der Plakette unterhalb jenem ihres “Ex” (dessen Auszug ebenfalls fast unbemerkt vonstatten ging) befand, blieb hingegen unverändert: “Mankowskij-Keil”.

Die Mankowskij-Keil war eine jener Personen, welche sich selbst den Zwang auferlegten, stets deutlich schneller als tatsächlich nötig zu laufen. So erweckte(n) sie den Eindruck, immer auf dem Weg ins nächste “Meeting” und “total busy” zu sein.

Ohne Smartphone ging die Dame nie aus dem Haus. Kam ein Anruf – der bei ihr natürlich nicht so profan, sondern “Call” hieß – schrie sie so laut in das Gerät, dass Umstehende den Eindruck gewinnen mussten, die Rettung des blauen Planeten höchstselbst hinge von Mankowskij-Keils Entscheidungen und Anweisungen ab.

Was sie beruflich genau machte, war nicht so ganz klar. Hatte sie doch während der wenigen Jahre, die sie im Haus wohnte, bereits mehrfach die Stelle gewechselt.

Einzelne Hausbewohner erinnerten sich daran, ihre Nachbarin hätte ihnen gegenüber einmal etwas von einem Studium (“irgendwas mit Literatur oder so”) in Erfurt erwähnt, das sie mit zwei Semestern an einer nicht ganz so renommierten Universität in England abgeschlossen hätte.

Nach dem Examen gelang ihr – aufgrund ihrer Auslandserfahrung – der Einstieg bei einer Dependance eines amerikanischen Consulting-Unternehmens, wo ihr Arbeitstag lang, aber ihre Karriere nur von kurzer Dauer war.

Was aber nicht schadete, denn allein dadurch, dass sie den Namen der Unternehmensberatung in ihrem Lebenslauf stehen hatte, öffneten sich ihr die Pforten weiterer bedeutender “Companies” (O-Ton, Mankowskij-Keil), deren Namen in der Vita wiederum… na ja, Sie wissen schon.

Nicht annähernd so gut erging es ihrem Ex-Mann, den sie entweder beim Studium in Erfurt oder in England kennengelernt hat (der Autor wusste es einmal, weil er vor Jahren einmal einen Blick auf die LinkedIn-Profile der beiden geworfen hatte, um festzustellen, dass sie zur gleichen Zeit eine identische “Stadion” in ihrer Vita aufwiesen).

Keil war ein freundlicher Mann, allerdings – gelinde gesagt – dermaßen zurückhaltend, dass er sich fast nie traute, als erstes das Wort  zu ergreifen – und sei es nur zum Gruß.

Kam man aber erst einmal ins Gespräch mit ihm, verwunderte sein Witz und seine Klugheit. Dann schien es, als fiele eine zentnerschwere Last von ihm ab und er konnte endlich einmal sagen, was er dachte und ihn bewegte.

Es hatte tragische Züge, wie leicht und oft man diesen introvertierten Herrn neben seiner stets exaltiert auftretenden Gattin übersehen konnte, obwohl er gut zwei Köpfe größer war als sie, die nur etwas über einen Meter fünfzig maß.

Ihr Stern hingegen schien umso heller zu strahlen, je grauer und freudloser die stets etwas devot gebückte Figur ihres Angetrauten daher kam.

Eine sonderbare Symbiose. Denn so wie die Mankowskij-Keil von seiner Unscheinbarkeit profitierte, schätzte er es, dass sie ihm fast alle unangenehmen Situationen wie Verhandlungen oder Reklamationen abnahm.

Sie hingegen begriff Beschwerden als eine Art sportlicher Disziplin, wobei ihre Anliegen und Meinungen von vornherein den Status beanspruchten, “legitim” und “alternativlos” zu sein. Folglich lamentierte sie oft und gern über Kleinigkeiten, über die ein normaler Mensch einfach hinweg sah. Ja es schien eine – möglicherweise ihre einzige – Leidenschaft zu sein, um “mein (also: ihr)  Recht” zu kämpfen, auch wenn dieses genau genommen bloß aus schierer Rechthaberei bestand.

So hatte die Mankowskij-Keil  auch bei der Hausverwaltung längst ihren Ruf weg. Tauchte sie – wie so oft – in deren Büro auf, um sich über Nachbarn, die zu  laut arbeitenden Handwerker oder sonst etwas zu ereifern, verdrehten die Angestellten erst einmal synchron die Augen.

Es war nicht einfach mit ihr.

Apropos: einfach.

Alles andere als einfach stellten sich die Bemühungen der Mankowskij-Keil und ihres Gatten heraus, ein Kind zu zeugen, wofür sie – vorzugsweise in der Öffentlichkeit – ihren Mann (“den Schlaffi”) verantwortlich machte.

Nicht dass die Mankowskij-Keil – Sie haben es sicher schon geahnt – ein besonders mütterlicher Typ war.

Vielmehr ging es ihr um das Abarbeiten ihrer “life long to-do-list”, auf der neben dem Kästchen für “Hochzeit” (“Abgehakt!”) u.a. der Programmpunkt “Kind” stand (mit dem Nebeneffekt, dass sie dabei ihre Gene, die sie selbst für  “überragend” hielt, der Nachwelt sichern konnte).

Irgendwann und irgendwie klappte es dann doch noch – (himmlische Fanfaren) – “ein Kind ward geboren!”

Sie gaben…

Genauer: Sie gab dem Baby den Vornamen (Keil: “Ich war dagegen!”) Aphrodite Madonna.

Aphrodite Madonna, deren Geburt nicht ohne Komplikationen verlief, wirkte vom ersten Atemzug an “anders” als die anderen Säuglinge.

Die Kleine suchte weder die Nähe der Mutter, noch erwiderte sie diese, auf eine, für ein Baby typische Art und und Weise.

Obwohl Aphrodite Madonna zweifelsohne auf der Welt war, schien sie nicht von dieser zu sein.

Irgendwann fiel auf der Geburtsstation das Wort “Asperger”.

Die Mankowskij-Keil googlete sofort auf dem Smartphone und fand heraus, dass es sich dabei nicht um einen “uralten” Weinbrand, sondern vielmehr um eine Form von Autismus handelte.

Diese ging – im günstigsten Falle –  mit einer “Inselbegabung” einher – also einer ungewöhnlich ausgeprägten Befähigung in einer wissenschaftlichen oder künstlerischen Disziplin. Ein solches Talent galt jedoch als ausgesprochen seltene und unwahrscheinliche Ausnahme von der Regel. Im Fall von Aphrodite Madonna musste es sich erst noch erweisen, in welche Richtung das Pendel ausschlug.

Einstweilen beschloss die Mankowskij-Keil die auffällige Apathie ihrer Tochter als Zeichen für eine “Hochbegabung” zu deuten und diese der Welt bei jeder Gelegenheit ungefragt kundzutun.

Ein solches Wunderkind musste besonders umsorgt werden.

Zuerst einmal galt es Platz zu schaffen, und zwar nicht nur in der Wohnung von Mankowskij-Keil & Co.

Wo es zuvor nie zu Diskussionen oder gar Streitigkeiten gekommen war, eröffnete die Mankowskij-Keil plötzlich eine Kampfzone: nämlich im gemeinsamen Fahrradkeller des Hauses, wo Familien schon lange vor Aprodite Madonnas Geburt ihre Kinderwagen abstellten.

Nun lautete die Parole: “Platz da!” – für Aphrodite Madonna. Wo die anderen – im wahrsten Sinne des Wortes – blieben, dafür hatte die Mankowskij-Keil nur ein Achselzucken übrig:  “It’s not my problem!”

Den ganzen Tag nur für ihre “Kleene” (O-Ton Mankowskij-Keil) da zu sein, wurde der Mutter rasch zu fad. Folglich meldeten die Keils Aphrodite Madonna bei einer städtischen Krippe an. Und siehe da, wo andere Familien, die einen Kita-Platz eigentlich dringender gebraucht hätten, ewig warteten, bekamen sie schon bald eine Zusage.

Die Erzieherinnen gaben sich alle Mühe mit Aphrodite Madonna, doch schien sich das Mädchen weder für ihre Spiele noch für die sonstigen pädagogischen Angebote zu interessieren; von den anderen Kindern ganz zu schweigen.

Zahllose Versuche der Betreuerinnen, Aphrodite den Gleichaltrigen anzunähern, scheiterten.

Während die anderen Kids, in wechselnden Gruppen und Paaren miteinander spielten und stritten, sich verhauten und versöhnten, mieden sie die kleine Mankowski-Keilj von Anfang an.

Diese saß zumeist still in der immer gleichen Ecke und starrte scheinbar geistesabwesend auf die bunt gestrichene Rauhfasertapete vor sich.

Eher zufällig bemerkte eine der Pädagoginnen nach einiger Zeit, dass “Afri”  (wie die Mankowskij-Keil ihre Tochter nannte) nicht einfach nur “Löcher in die Wand” starrte, sondern diese systematisch Millimeter um Millimeter abscannte.

Es schien, als ob das Kind  in den ungleichmäßig verteilten und vielfältig geformten Holzspänen, die zwischen zwei Lagen Papier verleimt, die Textur der Tapete bildeten, nach Mustern suchen würde.

Als Afris Mutter eines Tages zur Abholung in die Kita kam, bekam sie zufällig folgendes “Gespräch” zwischen mehreren, etwa zwei Jahre alten Mädchen mit:

Mädchen 1: “Attodete nikt lackt”

Mädchen 2: “Abofede nie pielt”

Mädchen 3: “Affopete nix nett”

Mädchen 4: “Affo doof!

Die Mädchen kicherten.

Und wiederholten unisono: “Affo doof!”

Lautes Kichern.

Wie von einer Tarantel gestochen, sprintete die Mankowskij-Keil sogleich zum Büro der Krippenleiterin. Polterte dort, anstatt vorsichtig anzuklopfen, heftig an die Tür. Und betrat, ohne das “Herein!” abzuwarten, den Raum.

Aufgeregt schilderte Afris Mutter, was sie von den Mädchen gehört hatte (genauer: gehört haben wollte), wobei sie sowohl bewusst übertrieb als auch manches Detail dazu erfand.

Die Leiterin versuchte die Mutter zu beruhigen und versprach mit den Kindern und den Kolleginnen zu reden, damit so ein Vorfall in Zukunft nicht mehr vorkommen würde. Schließlich gab sie zu bedenken : “Das sind doch noch Kinder!”

Worauf die Mankowskij-Keil blaffte: “Das sind Monster!”

Grußlos verließ sie das Büro; drohte (während sie sich rasch entfernte, um ihre Tochter aus dem Krippenzimmer zu holen) lautstark damit, die “Behörden und Medien über die menschenverachtenden Zustände in der Kita” zu informieren.

Dann schnappte sich unsanft ihre Tochter und eilte mit der Kleinen auf dem Arm zum Ausgang.

Bevor die Mankowskij-Keil auf den Türöffner drückte, drehte sie sich noch einmal um,  blickte ihn die entsetzten Gesichter der Leiterin und Erzieherinnen, die herbei geeilt waren, und fauchte: “Hier werden Köpfe rollen!”

Vom nächsten Tag an kam Aphrodite Madonna nicht mehr in die Kita.

Unterdessen erzählte ihre Mutter jedem ungefragt die ärgsten Horrorgeschichten über die Krippe:  “So ein Kinder-Alcatraz… Afri war völlig unterfordert… meine Kleine, umgeben von Pöbelbrut!”

Um der Öffentlichkeit zu beweisen, welche “Gulags” städtische Kitas im Allgemeinen und besagte Krippe im Besonderen darstellten, ließ die Mankowskij-Keil beim Amtsgericht ins Register den Verein “Recovery – zur Rehabilitation und Prävention frühkindlicher Opfer städtischer Kitas” eintrage.

Unsere Über-Mutter blieb allerdings lange das einzige Mitglied. Als die Stadt den Eintrag wegen “übler Nachrede” erfolgreich gerichtlich anfocht, verlegte sich die Mankowskij-Keil auf das Lancieren von Online-Petitionen, die aber ebenfalls weitgehend resonanzlos verliefen.

Die Jahre vergingen.

Aphrodite Madonna wechselte von einer privaten Krippe bzw. Elterninitiative zur nächsten, wurde von einem Programm für frühkindliche Förderung ins nächste Hochbegabten-Kids-Seminar geschleppt, vom Wahldorf in den Montessori-Kindergarten verfrachtet (zwischendurch gab es auch Versuche mit städtischen Einrichtungen, die aber wohl von vorn herein zum Scheitern verurteilt waren) und kam schließlich auf eine “spezielle Schule”, wie die Mankowskij-Keil sagte: “natürlich nur für Hochbegabte.”

Dem Autor tat das Mädchen leid, weil es fortwährend eine Aura des Unglücklichseins umgab. Also grüßte er es – wie in seinem Hause üblich war – immer freundlich, auch wenn sein Salut und Lächeln nie erwidert wurde.

Eines Tages fuhr er mit dem Bus von der Arbeit nach Hause.

Wie immer las der Gute derweil die Zeitung, als er, vier Stationen bevor er aussteigen musste, den Kopf erhob (im Nachhinein, wunderte er sich, warum, denn es gab keinen Radau oder sonst einen Vorfall).

Der Mann bemerkte, dass Aphrodite Madonna vorne einstieg, ohne von ihm und den wenigen Fahrgästen im Bus Kenntnis zu nehmen.

Also vertiefte sich der Verfasser dieser Zeilen wieder in den Artikel.

Kaum hatte er den zuletzt gelesenen Satz wieder aufgenommen, spürte er, dass sich jemand neben ihn setzte.

Er schaute nacht rechts  – direkt in Aphrodite Madonnas Gesicht …

… und war bass erstaunt.

Scheu lächelte ihn das Mädchen an.

Tatsächlich vergingen wohl nur Sekundenbruchteile, die ihm aber vor lauter Anspannung ewig vorkamen, da …

… sagte sie …

ohne ein “Hallo” vorab …

leise, in einem hörbar traurigen Tonfall:  “Papa zieht aus!

Schon stand das Mädchen auf…

ging…

ohne sich zu verabschieden und…

noch einmal umzudrehen…

zur Vordertür des Busses.

Wahrscheinlich vergingen  hierauf nur wenige Tage …

… dann zog Füssli ein.

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